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Zufall nach Plan? Facebook und der Laplacesche Geist omnipotenter Berechenbarkeit

Von Gunnar Sohn veröffentlicht am 07/10/2011 - Keine Kommentare

Düsseldorf – In einer Wut-Mail regte sich ein Herr über die Statusmeldungen eines Facebook-Nutzers auf, die täglich in seine Timeline fließen: „Sag mal, kannst Du das nicht abstellen? Wir haben uns doch kürzlich darüber verständigt, dass wir uns nicht kennen, dass ich Dich nur aus Versehen angeklickt habe. Nun bekomme ich trotzdem Deine ständigen Ergüsse auf meiner Startseite. So einen Facebook-Junkie habe ich sonst nicht in meiner Bekanntschaft und möchte ihn auch nicht haben. Jemand, der gerade noch auslässt, wann er zum letzten Mal auf dem Klo war. Also, wenn Du es kannst, stell es ab oder mach noch ein Foto von Deinem Klo-Gang. Mich würde es nicht wundern“, so die Protestnote.

Der Herr wurde freundlich darauf hingewiesen, dass er auf „Abonnement“ geklickt habe und doch einfach auf „nicht mehr Abonnement“ umstellen solle, dann erledige sich das Problem sofort. Mein Facebook-Freund postete daraufhin: „Kann mal jemand einen VHS-Kurs ‚Facebook für Anfänger‘ anbieten?“ Diese Blindfische des Internets zählen auch zu den kulturpessimistischen Zeitgenossen, die sich über die Herrschaft von Algorithmen, dunklen Mächten der personalisierten Werbung und der digitalen Verknechtung echauffieren. „Die Verkörperung der Macht der Algorithmen, die uns im Moment am meisten umtreibt, ist Facebook“, schreibt der Zeit-Redakteur Ijoma Mangold als Replik auf einen Beitrag seiner Kollegin Nina Pauer, die sich vor einem „Total Recall“ fürchtet, der mit dem Timeline-Konzept von Mark Zuckerberg angeblich in Gang gesetzt wird. 

Die Sorge um das Seelenheil sei bei jenen am größten, die noch nie einen Schritt in Richtung Facebook getan haben, kontert Mangold. Auffällig an dem gesamten Diskurs über den Niedergang der Selbstbestimmtheit im Netz ist das Menschenbild der Internet-Kritiker, berichtet der Düsseldorfer Fachdienst Service Insiders. Wie weit können Algorithmen wirklich das Leben bestimmen und voraussagen?

„Die Kulturkritiker fallen ein wenig ins 18. und 19. Jahrhundert auf das Niveau des Mathematikers und Philosophen Pierre-Simon Laplace zurück. Seine Sichtweise war sehr eng und deterministisch. Er predigte die Fiktion, dass die Natur vollständig berechenbar sei. Wir sehen ja an den Formelkönigen der Börsen und Wirtschaftsforschungsinstitute, wo das hinführt. Was dort in die mathematischen Berechnungen einfließt hat sehr viel mit der Vergangenheit und nur wenig mit der Zukunft zu tun. Es sind Ex-post-Prognostiker, die sich einen wissenschaftlichen Anstrich geben und mit ihren Vorhersagen eine Treffsicherheit wie beim Lotto erzielen“, kritisiert der IT-Experte Udo Nadolski, Geschäftsführer des Beratungshauses Harvey Nash.

Um die Natur zu berechnen, wie es Laplace vorschwebte, benötige man Hardware, die umfangreicher als unser Weltall sein müsste, erklärt Georg Brunold in seinem Buch „Fortuna auf Triumphzug“ (Verlag Galiani Berlin). Die erforderliche Informationsmenge sei so groß, dass sie durch die Wirklichkeit prinzipiell gar nicht dargestellt werden könnte. 

Merkwürdig an der Algorithmen-Furcht ist die ambivalente Haltung der Bedenkenträger. Sie klagen über Datenfluten, Kontrollverlust, Burnout und mentaler Überforderung. Gleichzeitig betrachten sie das Internet wie eine Maschine, die nach einem Plan zusammen gesetzt sei und fordern die Rückkehr des Zufalls. Der Kern des Sozialen bestehe gerade nicht im totalen Erfasssenkönnen, meint Nina Pauer in ihrer Facebook-Abhandlung. „Also in dem, was jede Situation an Überraschendem, Unplanbarem, Ungesagtem, Angedeutetem birgt.“

Die Medienwissenschaftlerin Miriam Meckel fordert sogar einen planerischen Eingriff ins Internet, um wieder mehr Zufallselemente in die Algorithmen einzubauen. Zufall nach Plan? Algorithmen können doch nur Verhaltenswahrscheinlichkeiten ausrechnen und sind nie in der Lage, die Komplexität des Lebens und der Natur vollständig zu erfassen. Das wird auch Mark Zuckerberg nicht ändern. Sollte er anders denken, wird er von der Realität zu einer Ethik der Bescheidenheit gebracht. 

„Es gibt keinen Laplaceschen Geist omnipotenter Berechenbarkeit“, sagt der Wissenschaftstheoretiker Professor Klaus Mainzer. Auch unsere Einfälle, unser Denken, menschliche Kreativität und Innovationen seien zufällig, spontan und unberechenbar. „Ohne Zufall entsteht nichts Neues“, betont Mainzer. Der unerschütterliche Glaube an Kausalzusammenhänge ist wohl der Knackpunkt im Netzdiskurs über die Frage der virtuellen Berechenbarkeit des Internet-Nutzers.

Story, Kommentare, Retweets, Liken unter:

http://www.service-insiders.de/artikel-itk/show/977/Facebook-und-der-Laplacesche-Geist-omnipotenter-Berechenbarkeit 

Siehe auch:

Sterben wir den Tod der virtuellen Berechenbarkeit? 

 

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