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Wikipedia: Qualität abhängig von Zusammenarbeit - Kollaborationsmuster wirken sich direkt auf Artikel aus

Von Claudia Zettel veröffentlicht am 12/03/2010 - 17 Kommentar(e)

Tucson/Berlin, pte - Die Qualität von Wikipedia-Einträgen hängt davon ab, wie die Autoren untereinander zusammenarbeiten. Die Kollaborationsmuster haben einen direkten Effekt auf die inhaltliche Qualität eines Artikels. Zu diesem Schluss kommt eine Untersuchung der Universitätsprofessorin Sudha Ram vom Eller College of Management an der University of Arizona in Kooperation mit dem Doktoratsstudenten Jun Liu.

Bisher hätten sich Untersuchungen zu Wikipedia hauptsächlich damit beschäftigt, wie groß die Gesamtzahlen von Bearbeitungen sind oder wie viele Autoren an einem Beitrag mitgeschrieben haben, so Ram. "Was gefehlt hat, war eine Erklärung dafür, wieso manche Artikel von hoher Qualität sind und andere nicht."

"Vier Augen sehen mehr als zwei"

"In vielen Artikeln ist es tatsächlich so, dass erst in der Zusammenarbeit verschiedener Autoren ein wirklich guter Artikel entsteht. Es werden unterschiedliche Sichtweisen aufgenommen, verschiedene Quellen herangezogen, der Stil, die Rechtschreibung und die Grammatik werden gemeinschaftlich überarbeitet und so weiter", bestätigt auch Pavel Richter, Geschäftsführer Wikimedia Deutschland, Rams Untersuchungsergebnisse gegenüber pressetext. Es gelte die Aussage "Vier Augen sehen mehr als zwei" auch für Wikipedia.

Dennoch räumt Richter ein, dass viele Artikel auch durch die Arbeit und das Engagement Einzelner entstehen. "Sei es durch berufliche Erfahrungen, sei es ein Hobby, das in der Wikipedia dargestellt wird, vielfach ist es die ausdauernde Arbeit von Einzelnen, die Artikel entstehen und wachsen lässt." In allen Fällen hänge die Qualität der Artikel vom neutralen Standpunkt ab, der in ihm zum Ausdruck kommen müsse. "Auch die angegebenen Quellen sowie ein neutraler und enzyklopädische Stil und gute, weiterführende Literatur und Weblinks sind grundlegend für einen qualitativ hochwertigen Artikel", betont Richter.

400 Artikel - sieben Autorentypen

Wikipedia führt ein eigenes Bewertungssystem die Qualität der Artikel betreffend. An der Spitze stehen Sonderartikel, gefolgt von Einträgen in den Kategorien A, B und C. Ram und Liu untersuchten insgesamt 400 Beiträge - zufällig ausgewählt quer durch alle Kategorien, berichtet EurekAlert. "Wir haben Datenbankanalysen eingesetzt und diverse Muster der Zusammenarbeit auf Basis dessen, wer was zu einem Artikel beiträgt, identifiziert", erläutert Ram.

Insgesamt wurden sieben spezifische Rollen von Wikipedia-Autoren definiert. Die "Beginner" etwa sind demnach jene, die einzelne Sätze verfassen, aber ansonsten nicht viel mehr beitragen. Die "Inhalte-Rechtfertiger" schreiben ebenfalls Sätze dazu, belegen diese aber noch mit Quellen und Links. Dann gibt es wiederum eine Gruppe, die sich hauptsächlich darauf beschränken, vorhandene Sätze zu modifizieren. Einzelne Nutzer übernehmen aber auch mehrere Aufgaben auf einmal, diese kategorisiert Ram als "Allrounder".

Laut Ram zeigte sich bei den Vergleichen und Auswertungen, dass die Allrounder an Artikeln mit der höchsten Qualität am häufigsten beteiligt sind. Um wirklich gute Artikel zu generieren, müssen aber viele Autoren der verschiedenen Typen zusammenarbeiten. 

Anmerkung von NeueNachricht:

Von einer offenen "Zusammenarbeit" kann bei Wikipedia nicht wirklich geredet werden. Siehe auch den NeueNachricht-Beitrag: Die verlorene Unschuld der Graswurzel-Enzyklopädisten: Wikipedia verschärft Artikel-Kontrollen - Oligarchie-System statt soziales Netzwerk.

Die Begründung der Wikipedia-Verantwortlichen für den Paradigmenwechsel ist nach Auffassung des Kommunikationsexperten Bernhard Steimel, Sprecher der Nürnberger Voice Days plus unzureichend. „Von einer Weisheit der Vielen kann nun nicht mehr gesprochen werden. Wikipedia verabschiedet sich von den Prinzipien der sozialen Netzwerke. Von den sympathischen libertären Wurzeln der Web-Enzyklopädie bleibt nicht mehr viel übrig", kritisiert Steimel. Wer gegen Expertokratie und institutionelle Machtstrukturen ankämpfe, könne nicht selbst eine Politik des „closed shop". Etiketten wie Schwarmintelligenz oder Graswurzeldemokratie würden die wahren Strukturen des Netzwerkes verfälschen.

Zu einem ähnlichen Befund kommt der Soziologe Christian Stegbauer in seiner Abhandlung „Wikipedia - Das Rätsel der Kooperation". Von einem freien Zugang könne keine Rede mehr sein. Schon jetzt habe eine kleine Gruppe besonders motivierter und leistungsstarker Mitarbeiter die Führung übernommen. Sie trägt nicht nur die Hauptlast der Lexikoneinträge, sondern bestimmt auch den Kurs des Lexikons - mit der Tendenz, sich nach unten und gegenüber Neuankömmlingen abzuschließen. Wer in die Zirkel eindringen wolle, habe mit Widerstand zu rechnen. „Von der ‚Goldgrube für freies Wissen' bleiben die Probleme mit ‚schwierigen Personen', die dem Projekt nur schaden und daher auch nicht mehr willkommen sind. Dies widerspricht der deklarierten Freiheitsideologie von Wikipedia ‚jeder kann teilnehmen", so Stegbauer.
Statt „ermündende Diskussionen" mit kritischen Geistern zu führen, entscheide wohl eine Oligarchie-Clique, was reinkommen dürfe oder nicht, bemängelt Steimel: „Mit dieser Geisteshaltung hätte ein politischer Querkopf wie Joschka Fischer im Bundestag nie Karriere machen können. Demokratische Meinungsbildungsprozesse sind nun mal anstrengend und sollten nicht von einer höchst aktiven Minderheit wegrasiert werden". Aus einem offenen Netzwerk werde eine Zwei-Klassen-Gesellschaft, resümiert pressetext.

 

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Kommentare

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