Literatur

Wenn zwei sich streiten ...

Von Miliana Romic veröffentlicht am 10/09/2009 - 3 Kommentar(e)

Wenn zwei sich streiten ...

... freut sich bekanntlich der legendäre Dritte! Ein solcher ›Dritter‹ kann nun jeder werden und sich gleich an mehreren Streitigkeiten freuen.
Die Dispute, die dem lesend teilhabenden Beobachter zu seiner Freude vorgestellt werden, entstammen sämtlich dem deutschen Literaturbetrieb und werden von Norbert Weis in einem rasanten Ritt durch die Geschichte zusammengetragen: »Circus Scribelli. Über Grobiane, Streithähne und andere lautstarke Gestalten in der deutschsprachigen Literatur« ist im Bonner Bernstein-Verlag der Gebrüder Remmel erschienen.

Angefangen bei einem herrlichen Zwist zwischen Pastor Johan Melchior Goeze und Gotthold Ephraim Lessing im 18 Jh. begleitet Weis seine Wort-›Helden‹ durch die Zeit und ihre Gefechte mit den (un-)kollegialen Literaten der Zeit. Eben jener Pastor (!) Goeze äußert über Goethes ›Werther‹: »Welcher Jüngling kann eine solche verfluchungswürdige Schrift lesen, ohne ein Pestgeschwür davon in seiner Seele zurück zu behalten, welches gewiß zu seiner Zeit aufbrechen wird. Und keine Zensur hindert den Druck solcher Lockspeisen des Satans?« (S. 15). Die Xenien-Attacken des Gespanns Goethe-Schiller auf die Zeitgenossen kommen ebenso zur Sprache wie die Auseinandersetzungen, die andere Schriftsteller von (Nach-)Ruhm mit den Mitgliedern ihrer eigenen, also schreibenden Zunft bewältigt haben oder glaubten, bewältigen zu müssen.

Friedrich Hölderlin, Heinrich Heine, die Gebrüder Mann, Karl Kraus und viele andere werden im Manegenrund des Weis'schen »Circus Scribelli« herum- und vorgeführt. Dabei erfährt man, oft wie nebenher, auch interessante Details aus der Literaturszene; so z.B., dass Karl R. Popper einen Aufsatz von Jürgen Habermas (Gegen die großen Worte) in ein lesbares Deutsch übersetzt, sich aber nicht enthalten hat, jenes »grausame Spiel, Einfaches kompliziert und Triviales schwierig auszudrücken« mit einem Vers aus Goethes Faust zu kommentieren:
»Gewöhnlich glaubt der Mensch, wenn er nur Worte hört,
Es müsse sich dabei doch auch was denken lassen.«

Der Autor gesteht in der Einleitung: »Zorn veredelt den Stil. [...] Dass man den ausgesuchten Dreistigkeiten, mit denen sich die Mitglieder der schreibenden Zunft immer mal wieder bedenken, mit Bewunderung, ja mit Vergnügen begegnet, lässt sich freilich nicht vermeiden; es liegt darin ein Reiz, den zu leugnen heuchlerisch wäre ...«
Bis in die Moderne reicht das Spektrum der ›Circus-Nummern‹, die, zum großen Teil natürlich aus begründet unbegründeten Eitelkeiten gespeist, dem Zuschauer ein fast voyeuristisches Vergnügen bereiten: Stefan Heym, Thomas Bernhard, Benedikt XVI., Thomas Gottschalk, Marcel Reich-Ranicki und Elke Heidenreich bevölkern als ARTisten unserer Tage die Manege und modernisieren so gleichsam die immer zeitlose Lust am Streit der anderen. Gerade das sprachliche Niveau, auf dem unter Literaten und Intellektuellen zu allen Zeiten die (Wort-)Fetzen fliegen, macht die Lektüre dieses Buches zu einem literarischen Lesevergnügen im Wortsinne.

Der Band mit 28 s/w-Abbildungen umfasst 250 Seiten, kostet 19,80 € und ist über den Buchhandel oder direkt beim Verlag zu beziehen [ISBN 978-3-939431-09-1].

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Kommentare

  • "Zorn veredelt den Stil".....hört sich vielversprechend an

    Erstellt von Benjamin, 10/09/2009 5:10pm (vor 4 Jahre)

  • mal ein anderer Blick auf den Circus, bin gespannt

    Erstellt von Helena, 10/09/2009 5:08pm (vor 4 Jahre)

  • Gutes Buch, kann ich nur empfehlen!

    Erstellt von Harry, 10/09/2009 4:11pm (vor 4 Jahre)

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