Wirtschaft/Medien/Kommentar

Weltweit größte Schaumschläger-PK: Warum sich Thomas Knüwer über Vodafone aufregt

Von Gunnar Sohn veröffentlicht am 09/07/2009 - 10 Kommentar(e)

Bonn/Düsseldorf - Die Pressekonferenz von Vodafone zur neuen Werbestrategie ist nun hoch und runter getwittert worden, so dass man zur so genannten Upload-Kampagne nichts mehr sagen muss. Schaut man sich aber noch einmal in aller Ruhe die Aufzeichnung des Medienspektakels an, bekommt man semantische Albträume. So erging es Thomas Knüwer vom Handelsblatt. In seinem Blogbeitrag „Vodafone und die Generation Mix-it-baby" hat er seiner Wut freien Lauf gelassen: „Es war wie ein Unfall. Man weiß, dass es schlimm ist - aber wegschauen geht auch nicht. Und schlimm war es. Es tat weh. Weh, weil die deutsche Sprache zwar schwer ist, aber doch auch schön. Weh, weil ich Menschen sah, die sich so offensichtlich unwohl in ihrer Haut fühlten, trotzdem aber öffentlich auftreten mussten. Weh, weil ich mich selbst sah und erkannte, dass ich so nicht sein will. Weh, weil gute Ansätze mit voller Wucht gegen eine Stahlwand gehauen wurden". Fürchterlich sei die nicht enden wollende Flut dümmlicher Buzzwords, mit denen die Vodafoner um sich warfen, gepaart mit Folien in einer Commodore-64-Nostalgie-Optik.

Manager in Deutschland können ja ruhig mit Fachbegriffen hantieren, wenn es wohldosiert passiert. Unzumutbar ist die Inflation von Leerformeln aus der Phrasendrescher-Endlosmaschine. Und jetzt hat Knüwer zurückgeschlagen: „Du bist Journalist. Du willst Unternehmensvertretern nicht durchgehen lassen, dass sie Deine Zeit mit hohlen, dümmlichen, angelsächsischen Phrasen ohne jede Tiefe stehlen...Was Vodafone und die Scholz & Friends-Spitze da ablieferte, war eine Unverschämtheit. Es wäre schlimm genug, solch eine Vorstellung im Kreis einer nicht-öffentlichen Pressekonferenz abzuziehen. Für eine Veranstaltung aber, die bewusst geöffnet wurde, war es atemberaubend schlecht".

Munter flogen wirre Worte durch den Raum: „Die Manifestation der Kundenbevorzugung... Enkomplexität... Dekomplexität... Enterprise-Clients... Consumer-Clients... Wir geben Dir die Power dazu, wir geben Dir empowerment... Client first....Synergien.....Much more for more...bei uns steht der Kunde im Mittelpunkt (Worthülsen-Klassiker)....Kundenorientierung....Strategie, Strategie, Strategie...und wir sind die weltweit Größten (darf in keiner Presseverlautbarung fehlen).

Ich kann die Kritik von Knüwer gut verstehen: Man wird jeden Tag mit PR-Texten von Firmen bombardiert, die eine „nachhaltige und ganzheitliche Mumpi-Wumpi-Strategie garantieren, Prozesse optimieren und implementieren, eine Vielzahl von Synergien realisieren und mit leistungsfähigen Tools basierend auf einem Netzwerk von Applikationen für geringere Kosten und einer höheren Effizienz sorgen".

Semantische Dünnbrettbohrer sind allerdings nicht nur Nervensägen, sie sind für die Volkswirtschaft ein teures Vergnügen. „Experten schätzen den Schaden, der in der deutschen Wirtschaft durch unverständliche Texte entsteht, auf jährlich eine Milliarde Euro", schreibt Professor Christoph Moss in einem Namensbeitrag für das Handelsblatt. Der Braunschweiger Sprachwissenschaftler Günther Zimmermann hält diese Summe noch für „deutlich untertrieben". Wer sich an den Kunden wende, müsse ihn überzeugend ansprechen, sagt er.

Kunden, Leser oder Aktionäre würden sehr schnell spüren, ob der Vertreter eines Unternehmens offen und direkt mit ihnen spricht oder ob er sich hinter einer Ansammlung von Kunstwörtern versteckt. „Warum soll ein ‚fokussierter' Anbieter besser sein als ein Konkurrent, der ohne diese Phrase auskommt? Jeder Metzgermeister könnte von sich behaupten, ein ‚gut aufgestellter, fokussierter' Anbieter von Fleischwaren zu sein. Er wird es aber nicht tun, weil die Kunden kopfschüttelnd aus dem Laden rennen würden. Dort aber, wo sich Unternehmen räumlich und emotional von ihren Kunden entfernen, drucken sie Firmenbroschüren voller nichtssagender Formulierungen", führt Moss aus, Autor des Buches „Deutsch für Manager" (sollten sich die Jungs von Vodafone und Scholz & Friends schnellstens besorgen). Das schlechte Ansehen von Politikern und Führungskräften der Wirtschaft liege vor allen Dingen an den penetranten Floskeln, die jeden Tag auf uns niederprasseln. Sie sollten entweder mehr Klassiker lesen und sich weiterbilden zu wahren Rhetoren oder einfach die Klappe halten. „Man muss in allem, was man redet, überaus genau und deutlich sein; sonst ermüdet und verwirrt man andre nur, anstatt sie zu unterhalten oder zu unterrichten. Auch die Stimme und die Art zu reden sind nicht zu vernachlässigen. Manche schließen beim Reden beinah den Mund zu und murmeln etwas hin, so dass man sie nicht versteht. All diese Gewohnheiten sind unschicklich und unangenehm und müssen durch Aufmerksamkeit vermieden werden", so die Empfehlung von Lord Chesterfield Empfehlung an seinen Sohn.

Siehe auch:

PowerPoint-Schaumschläger und die Qualen der Zuhörer - Microsoft-Software feiert zwanzigjähriges Jubiläum.

Powerpoint und der steigende Bullshit-Quotient: Wie Business- und Marketing-Jargon Sprache und Geist beschädigen.

Vodafonistische Worthülsen.

Vodafone lädt auf und eckt an.

Vodafone-Kampagne treibt Bloggerin zum Ausstieg.

Die Mumpi-Wumpi-Strategie. 

 

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Kommentare

  • @Claude: Sprechen und Denken sind eins - aus einem hohlen Kopf entspringt hohles Gemurmel # Manager-Generation Dummdeutsch wäre die bessere Zielgruppe statt Generation Upload

    Erstellt von Gunnar, 12/07/2009 6:39pm (vor 3 Jahre)

  • Die Debatte wuchert. http://www.basicthinking.de/blog/2009/07/10/generation-upload-vodafone-reagiert-auf-kritik-und-verspricht-faire-datentarife/comment-page-1/#comment-872329

    Erstellt von Gunnar, 12/07/2009 6:34pm (vor 3 Jahre)

  • @claude Marktpenetration ist ein wunderbares Wort, köstlich:-)
    Dass VF - wie die übrigen Mobilfunkanbieter auch- versucht, durch entsprechendes Marketing Kunden zu binden, ist nicht moralisch verwerflich, das gehört zum Business.
    Ich würde es aber begrüssen, wenn VF die Penetration des Wortes unterlassen würde.

    Erstellt von Miliana, 12/07/2009 9:48am (vor 3 Jahre)

  • Die 'alte' Firma Vodafone (Spötterjargon: Wodkafone) hat die Innenstädte schon um die Jahrtausendwende mit ihren roten Tränen verunziert, Mobiltelefone mit sog. Brandings übel verunstaltet und sogar teilweise in der Funktion eingeschränkt, um den Benutzer auf irgendwelche VF-eigenen WAP-Portale zu locken.
    Von allen Mobilfunkmarktschreiern ist die alte VF die aus Marktingsicht aufdringlichste (Stichwort: Marktpenetration) gewesen, wobei man sagen muß, daß das Konzept der Markenidentifikation ('ich habe ein VF-Hendi, also bin ich VIP') überraschend lange funktioniert hat. Da heutzutage weniger Leute bereit sind, sich als nützliche Idioten eines Mobilfunkkonzerns zu begreifen, deren Werbe-T-Shirts zu tragen etc.etc. muß jetzt der Dampfer eine kleine Kurskorrektur vornehmen.
    Tatsächlich sitzen auch bei VF nicht nur irrlichternde Quackelköpfe, sondern auch Leute, die globale Trends mitbekommen und diese im Sinne der 'Kundenbindung' versuchen zu nutzen. Genannt sei hier vor allem die Bindung von mehr oder minder nützlichen Diensten an die SIM-Karte selbst, natürlich von VF. Alles, was man im 21. Jahrhundert so in der Jackentasche braucht, soll sich nicht etwa der User selbst nach Gutdünken zusammenstellen, sondern schön in Abhängigkeiten vorkonfektioniert.
    Man darf gespannt sein, ob die Strategie aufgeht, man kann es moralisch verwerflich finden oder auch nicht - aber es dürfte sich in den nächsten Jahren einiges tun.

    Tatsache bleibt, daß die in diesem charmanten Artikel aufgegriffenen Marketing-Sprechblasen mehr über unsere Gesellschaft aussagen als den Sprechern lieb ist, und weit über den Bereich der consumer-Elektronik hinausgeht.
    Ziemlich erschütternd eigentlich :-)

    Erstellt von claude, 10/07/2009 8:22pm (vor 3 Jahre)

  • PR-Manager des Jahres: jo, da zeichnet ein Weichzeichner den anderen aus.....

    Erstellt von Elisa, 10/07/2009 4:26pm (vor 3 Jahre)

  • Habe heute morgen gelesen, dass der Kommunikationschef von Vodafone zum PR-Manager des Jahres gekürt wurde. Auch wenn es grausam ist, er repräsentiert eben die Schaumschläger-Branche.
    @Kai: genau. Denn so lange es akzeptiert wird, ändert sich nichts.

    Erstellt von Helena, 10/07/2009 10:21am (vor 3 Jahre)

  • Habe heute morgen gelesen, dass der Kommunikationschef von Vodafone zum PR-Manager des Jahres gekürt wurde. Auch wenn es grausam ist, er repräsentiert eben die Schaumschläger-Branche.
    @Kai: genau. Denn so lange es akzeptiert wird, ändert sich nichts.

    Erstellt von Helena, 10/07/2009 10:18am (vor 3 Jahre)

  • Mumpi-Wumpi-Strategien werden in vielen Konzernetagen gestrickt. Da sind alle sehr "gut aufgestellt", "fokussiert", "synergetisch", "effizient" und unheimlich idiotisch.....

    Erstellt von Elisa, 10/07/2009 9:22am (vor 3 Jahre)

  • @Helena gut das einige Journalisten das Vorstandsgesabbel nicht einfach mehr so hinnehmen!

    Erstellt von Kai, 10/07/2009 1:49am (vor 3 Jahre)

  • Köstlich! Wunderbar auf den Punkt gebracht.
    Die Phrasendrescher in Nadelstreifen verstecken sich hinter diesem Gesabbel, weil sie so die pure Inhaltslosigkeit kaschieren. Das tut Ohren und Hirn weh.

    Erstellt von Helena, 09/07/2009 6:27pm (vor 3 Jahre)

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