VWL, Wirtschaftswissenschaften, Wirtschaftsforschungsinstitute, Prognosen, Konjunkturprognosen, Hayek, Neoklassik
Wissenschaft/VWL/Politik
Von Gunnar Sohn veröffentlicht am 31/07/2009 - 4 Kommentar(e)
Düsseldorf/Berlin - Nach einem Bericht der FAZ ist die Verhaltensökonomik auf dem Vormarsch: „Die Ergebnisse der Experimentalökonomen zeigen den Menschen von seiner allzu menschlichen Seite: Er ist von Gefühlen und Neigungen, nicht allein von der Ratio bestimmt. Neben dem Streben nach Eigennutz gibt es auch andere Motive, die sein Handeln leiten: Altruismus, Fairness- und Gerechtigkeitserwägungen", schreibt die FAZ. Das Ziel der Verhaltensökonomik sei, eine allgemeine Theorie des menschlichen Verhaltens zu finden. „Die Demontage der neoklassischen Theorie ist überfällig. Sie geht immer noch vom ‚Homo oeconomicus' aus, der sich strikt rational und eigennützig verhält. Die derzeitige Krise müsste jetzt eigentlich dazu beitragen, diese Rationalitätshypothese schnell aus der Welt zu schaffen", so Udo Nadolski, Geschäftsführer des Düsseldorfer Beratungsunternehmens Harvey Nash.

Die Ökonomieprofessoren George Akerlof und Robert Shiller haben nach Auffassung des IT-Personalexperten Nadolski in ihrem Buch „Animal Spirits - Wie Wirtschaft wirklich funktioniert" (Campus Verlag) die richtigen Akzente gesetzt. Sie würden sich vom simplen Machbarkeitsglauben vieler Wirtschaftswissenschaftler abgrenzen. Unternehmer und Verbraucher seien keine emotionslos kalkulierenden Roboter, wenn sie sich von Moden, Gruppendruck und Massenhysterie beeinflussen lassen. Deshalb könne das ständige Auf und Ab der Wirtschaftskonjunktur nur ungenügend durch makroökonomische Maßnahmen gesteuert werden. „Akerlof und Shiller holen den Faktor ‚Ungewissheit' wieder zurück in die Volkswirtschaftslehre, die immer noch glaubt, dass die Wirtschaft berechenbar sei und sich mehr dafür interessiert, an mathematischen Formeln zu feilen und die Beobachtung der Realität vernachlässigt", führt Nadolski aus. Das war bei den ordoliberalen Wirtschaftsdenkern ganz anders. Sie haben die angelsächsisch geprägte Mathematikgläubigkeit nie geteilt, bemerkt Dr. Gerhard Schwarz von der NZZ. „Aber genau diese Ökonomie wurde an den europäischen Universitäten ausgetrocknet", kritisiert Schwarz. Während Modellschreinerei sowie das Zählen, Messen und Berechnen von Korrelationen Reputation und eine akademische Karriere versprechen, friste die Ordnungstheorie ein Dasein in den Elendsvierteln der Nationalökonomie. Dabei könnten wir ein Denken in Ordnungen gerade jetzt gebrauchen. Denn diese Wirtschaftstheorie widersteht dem Glauben an einer präzisen Vorhersagbarkeit und Steuerbarkeit der Wirtschaft. Die ordoliberale Sichtweise war immer viel breiter angelegt. „Sie hat Geschichte und Psychologie, Recht und Philosophie bis hin zur Theologie in die Analyse der Wirtschaft mit einbezogen, also nie nur Ökonomie betrieben. ‚Marktwirtschaft ist nicht genug', wie der treffende Titel einer eben erschienenen Sammlung mit Aufsätzen von Wilhelm Röpke lautet", so Schwarz.
Als Politikberater haben die Ordoliberalen derzeit keine guten Karten. Bei einer Diskussionsrunde der IHK-Köln räumte Walther Otremba, Staatssekretär im Bundeswirtschaftsministerium, den Fachleuten für Ordnungspolitik nur einen geringen Stellenwert ein. Sein Ministerium brauche keine Glaubenssätze und Bekenntnisse zur Sozialen Marktwirtschaft. „Morgens Freiburg und abends Ludwig Erhard zu sagen ist wenig hilfreich", sagte Ortremba. Vor der Wirtschaftskrise sei weder das, was formal arbeitende, noch das, was ordnungspolitisch ausgerichtete Wirtschaftswissenschaftler geleistet hätten, optimal gewesen.
Für den Berater Udo Nadolski ist die Geisteshaltung des Staatssekretärs nicht nachvollziehbar. „Ordoliberale wie Röpke formulierten keine Glaubenssätze, sondern verstanden die Wirtschaftspolitik als Staatskunst. Sie waren für Wirtschaftsminister Ludwig Erhard unverzichtbare Ratgeber für die Währungsreform 1948, für die Durchsetzung marktwirtschaftlicher Ordnungspolitik und sonstigen realpolitischen Fragen. Das waren keine Fachidioten, die sich hinter irgendwelchen Rechenmodellen versteckten, die niemals die komplexe und widersprüchliche Welt abbilden oder politische Krisen, bahnbrechende Erfindungen, Meinungstrends oder Katastrophen vorhersagen können", kontert Nadolski.
Was die staatlich alimentierte Ansammlung von hochdotierten Kaffeesatz-Lesern in den Wirtschaftsforschungsinstituten hingegen leiste, sei doch eher bescheiden. „Die sind vielleicht formal super ausgebildet, versagen aber kläglich in ihrer Rolle als Prognostiker. Die gut 41 Millionen Euro, die nach dem Haushaltsplan des Finanzministeriums (S. 13 ff.) an die Institute der so genannten Blauen Liste fließen, könnte man auch auf dem Rummelplatz für Wahrsager ausgeben", lästert Nadolski. Der Vorwurf mangelnder Internationalität an die ordnungstheoretische Denkschule in Deutschland kann von Adepten der „modernen" ökonomischen Theorie nicht mehr in Feld geführt werden. Die Ökonomen müssten aus ihren Silos herauskommen und sich stärker mit der realen Welt auseinandersetzen, schreibt das Magazin „The Economist".

Noch kritischer formulierte es Wolfgang Kasper, emeritierter Professor für Nationalökonomie der australischen Universität New South Wales, bei einer Expertenrunde der Hayek-Tage in Jena: „Die Neoklassik gaukelt ein Scheinwissen über eine Welt vor, in der politische Manipulatoren entscheidender Einfluss zugemessen wird, unerwartete, schädliche Nebeneffekte und Verzögerungen aber wegdefiniert sind". Die VWL-Dünnbrettbohrer mit ihren ceteris paribus-Modellen würden fälschlicherweise Quantifizierung mit Wissenschaftlichkeit gleichsetzen. Die Modellschreiner und Makromechaniker bilden nach Ansicht von Kasper ein karriereförderndes Kartell. Lehrstuhlkandidaten, die Bürokraten und Ministeraktivismus kritisieren, hätten nur geringe Chancen im undurchsichtigen universitären Ernennungsdickicht. So etablierten sich Professoren, die sich mit ökonometrischen Gefälligkeitsgutachten und Expertenrat in den Dienst von Politikern und Ministerien stellen. Wichtig wären Denkfabriken, Universitäten und Medien, die nicht vom Steuermäzenatentum abhängig sind.
Zudem brauche man eine Neuausrichtung der Wirtschaftswissenschaften: „Das neoklassische Gedankengut stammt aus der Ära der Großindustrie mit Massenproduktion. Heute machen maßgeschneiderte Dienstleistungen zwei Drittel bis drei Viertel der Wirtschaftsaktivität aus. Und hier ist dezentrales Wissen der wichtigste Produktionsfaktor", sagte Kasper.
Siehe auch:
Die Geissel der ordnungstheoretischen Blindheit.
Die trostlose Wirtschaftswissenschaft.
Mathematikmanie und die Krise der Ökonomik.
Methodenstreit in der Ökonomie: Was kann die Volkswirtschaftslehre für die Gesellschaft leisten?
Dokumentation über den VWL-Methodenstreit.
Abkehr von der Ordnungspolitik?
Glaskugel statt Ökonometrie: Warum die Prognosen der Wirtschaftsforscher nichts taugen.
VWL-Mechaniker im Machbarkeitswahn.
Krise, Konjunktur und Schwarze Löcher: Die Analysen des Ökonomen Röpke aus dem Jahr 1932!
Buchempfehlungen für VWL-Dünnbrettbohrer. Bitte beachten Sie die Packungsbeilage oder fragen Sie Ihren Arzt oder Apotheker. Diese Bücher könnten Ihr makroökonomisches Weltbild zerstören.
„Management der Zukunft findet unter den Bedingungen der Komplexität und Zufall statt. Zufallsfluktuationen und Komplexität erzeugen nichtlineare Dynamik", schreibt der Wissenschaftstheoretiker Klaus Mainzer in seinem Buch „Der kreative Zufall - Wie das Neue in die Welt kommt". In unsicheren und unübersichtlichen Informationsräumen könnten Menschen nur auf Grundlage beschränkter Rationalität entscheiden und nicht als homo oeconomicus. Der Laplacesche Geist eines linearen Managements von Menschen, Unternehmen und Märkten sei deshalb zum Scheitern verurteilt. Auch wissenschaftliche Modelle und Theorien seien Produkte unserer Gehirne. „Wir glauben in Zufallsreihen Muster zu erkennen, die keine sind, da die Ereignisse wie beim Roulette unabhängig eintreffen. Wir ignorieren Spekulationsblasen an der Börse, da wir an ein ansteigende Kursentwicklung glauben wollen", erläutert Professor Mainzer.
Zufall führe zu einer Ethik der Bescheidenheit. Es gebe keinen Laplaceschen Geist omnipotenter Berechenbarkeit. In einer zufallsabhängigen Evolution sei kein Platz für Perfektion und optimale Lösungen. Zufällig, spontan und unberechenbar seien auch Einfälle und Innovationen menschlicher Kreativität, die in der Kultur- und Wissenschaftsgeschichte als plötzliche und unvorherbestimmte Ereignisse beschrieben werden. Ohne Zufall entstehe nichts Neues. „Nicht immer fallen die Ereignisse und Ergebnisse zu unseren Gunsten aus - das Spektrum reicht von Viren und Krankheiten bis zu verrückten Märkten und Menschen mit krimineller Energie", resümiert Mainzer. Der Ökonom Friedrich August von Hayek wandte sich 1974 in seiner Rede zur Verleihung des Wirtschaftsnobelpreises gegen die Benutzung der Instrumente der harten Wissenschaften in den sozialen Wissenschaften. Den Boom dieser Methoden in den Wirtschaftswissenschaften konnte Hayek nicht aufhalten, obwohl es immer noch Stimmen gibt, die den Ökonomen eher die Rolle bescheidener Philosophen zuweisen wollen. Hohepriester sind sie jedenfalls nicht.
Politiker, Entdecker und Unternehmer sollten in Krisenzeiten bei ihrer Strategie weniger auf Top-down-Planung setzen, sondern sich auf maximales Herumprobieren und das Erkennen der Chancen, die sich ihnen bieten, konzentrieren, rät der frühere Börsenhändler Nassim Taleb in seinem Opus „Der Schwarze Schwan - Die Macht höchst unwahrscheinlicher Ereignisse". Er stimmt nicht mit den Anhängern von Karl Marx und Adam Smith überein, dass freie Märkte nur funktionieren, weil sie ihnen „Belohnungen" oder „Anreize" für ihre Fähigkeiten bieten. „Freie Märkte funktionieren, weil sie den Leuten erlauben, dank aggressivem Trial und Error Glück zu haben", so Taleb.
Die beste Strategie bestehe darin, möglichst viel auszuprobieren und möglichst viele Chancen zu ergreifen, aus denen sich Schwarze Schwäne ergeben könnten. „Dass wir in Umgebungen, in denen es zu Schwarzen Schwänen kommen kann, keine Vorhersagen machen können und das nicht einmal erkennen, bedeutet, dass gewisse ‚Experten' in Wirklichkeit gar keine Experten sind, auch wenn sie das glauben. Wenn man sich ihre Ergebnisse ansieht, kann man nur den Schluss ziehen, dass sie auch nicht mehr über ihr Fachgebiet wissen als die Gesamtbevölkerung, sondern nur viel bessere Erzähler sind - oder, was noch schlimmer ist, uns meisterlich mit komplizierten mathematischen Modellen einnebeln. Außerdem tragen sie mit größter Wahrscheinlichkeit Krawatten", bemerkt Taleb.
Wenn er Leute befragt, welche drei Technologien sich heute am stärksten auf unsere Welt auswirken, nennen sie in der Regel den Computer, das Internet und den Laser. Alle drei Innovationen waren ungeplant, unerwartet und wurden nach ihrer Entwicklung zunächst nicht gewürdigt. Sie hatten allerdings große Konsequenzen. Sie waren Schwarze Schwäne. Im Nachhinein bekommen wir leicht den Eindruck, dass sie Bestandteile eine Masterplans waren. Kaum ein von Ratio durchtränkter Manager gibt zu, dass Innovationen häufig durch glückliche Zufälle entstehen. Charles Townes erfand den Laser, um Lichtstrahlen zu spalten. Über weitere Anwendungen dachte er überhaupt nicht nach. „Dabei hatte der Laser dann enorme Auswirkungen auf unsere Welt: CDs, Korrekturen bei der Sehschärfe, Mikrochirurgie, Speicherung und Wiedergewinnung von Daten - lauter unvorhergesehene Anwendungen der Technologie. Wir bauen Spielzeug. Manchmal verändert eines von ihnen die Welt", erläutert Taleb.
Siehe auch:
ECONOMICS IS NOT NATURAL SCIENCE.
Die sollten die Wirtschaftsforschungsinstitut endlich dichtmachen. Verschwendung von Steuergeldern.
Posted by Hajo, 05/08/2009 12:02am (vor 1 Jahr)
Nachtrag zu Steinbuch: Er hat 1979 eine interessante Korrelation entdeckt. Steinbuch hat berechnet, dass eine seit 1949 jeweils zum Jahresende vom Institut für Demoskopie Allensbach gestellte Frage ‚Sehen Sie dem Neuen Jahr mit Hoffnungen oder Befürchtungen entgegen’ in dem Prozentsatz der Antworten "mit Hoffnungen" der Entwicklung des realen Bruttosozialprodukts vorauseilt. Der Verlauf des Optimismus folge wie das Wachstum des Bruttosozialprodukts Zyklen mit einer Dauer von etwa vier bis fünf Jahren und der Optimismus in der Bevölkerung hinke nicht hinter der Konjunktur her, sondern gehe ihr voraus: Zuerst Optimismus, dann Wachstum. Die persönliche Einschätzung der Zukunft sei scheinbar ein besserer Indikator für die Entwicklung der Konjunktur, als die mit großem wissenschaftlichen Aufwand betriebenen Vorhersagen der Wirtschaftsforschungsinstitute.
Der von Steinbuch entdeckte Effekt gilt leider auch in umgekehrter Richtung. Die wirtschaftliche Dynamik ist nicht nur abhängig von äußeren Faktoren wie Steuerlast oder Arbeitsgesetzen, sondern in hohem Maß auch von Psychologie. Für die Konjunkturentwicklung ist es relevant, wie es zu gleichgerichteten Verhaltensweisen der Bevölkerung bei jenen Faktoren kommt, die Expansion und Rezession beeinflussen; denn erst der Gleichschritt erzeugt die Durchschlagskraft, verstärkt die Wirkung so sehr, dass der Konjunkturverlauf einen schicksalhaften Rang erhält. Als Ursache sei ein sozialpsychologischer Faktor herausgearbeitet worden – Ansteckung. Sie werde ausgelöst durch übereinstimmende Motive der Wirtschaftsakteure, gemeinsame, unter bestimmten Umständen erweckte Vorstellungen, Nachahmung, Übertragung von Gefühlen und überspringende Stimmung.
Posted by Gunnar, 31/07/2009 3:48pm (vor 1 Jahr)
Wenn die Forschungsinstitute so wertvoll sind, dann sollen sie doch ohne Staatskohle arbeiten. Professor Steinbuch hat doch eindrucksvoll nachgewiesen, dass die Wirtschaftsprognosen der Ökonometrie-Profis weniger taugen als die Allensbach-Jahresumfrage "Sehen Sie den kommenden 12 Monaten mit Hoffnungen oder Befürchtungen entgegen"
Posted by Gunnar, 31/07/2009 3:41pm (vor 1 Jahr)
Ich glaube, dass es einerseits die Analysen der Forschungsinstitute braucht, weil es ganz ohne Fakten nicht geht. (Und manches davon auch richtig und hilfreich war und bleibt). Aber der Bauch ist andererseits auch sehr entscheidend!
Posted by Carsten Seim, 31/07/2009 2:06pm (vor 1 Jahr)
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