Kultur/Gesellschaft/IHK
Von Gunnar Sohn veröffentlicht am 14/11/2011 - 2 Kommentar(e)

Bonn - Die liebwertesten Gichtlinge, die in Bonn ein Festspielhaus herbeisehnen, würden die Geburtsstadt von Beethoven gerne auf einer Stufe mit Bayreuth und Salzburg sehen. Etwa der Bonner IHK-Präsident Wolfgang Grießl, der über ein „professionelles Fundraising-Konzept“ rund 25 Millionen Euro an Spenden einsammeln möchte. Dazu kommen vielleicht Investitionen der Post in Höhe von 30 Millionen Euro und Mittel des Bundes. Der Betrieb soll über eine Stiftung finanziert werden. „Wir werden dem Rat zeigen, dass sich Bürger und Unternehmer engagieren, wenn es darauf ankommt“, sagte vollmundig der IHK-Boss. Die Millionen sollen über die Aktion „5000 für Beethoven“ fließen.
Sein Aufruf richtet sich besonders an die IHK-Mitgliedsunternehmen: Ein neues Festspielhaus stärke den Wirtschaftsstandort. Die Kammer selbst werde das Ganze organisatorisch begleiten. Ja ist denn schon Weihnachten, Herr Grießl? Als IHK-Zwangsmitglied sage ich Ihnen, lesen Sie doch noch einmal den ersten Abschnitt meiner Kolumne. Ich habe fast wortwörtlich eine Anthologie von Zitaten zusammengetragen, die nach der festlichen Einweihung der Beethovenhalle am 8. September 1959 von Fachleuten, Musikwissenschaftlern, Politikern und Journalisten artikuliert wurden. Das liegt zwar einige Jahrzehnte zurück. Aber mit ähnlichen Botschaften für den Neubau eines Festspielhauses, wie sie der IHK-Funktionär und andere vermeintliche Beethoven-Freunde predigen, ist damals die Errichtung der Beethovenhalle nach den Plänen des Architekten und Hans Scharoun-Schülers Siegfried Wolske begründet worden. Will man davon nichts mehr wissen?
Es ist einfach nur peinlich und eine Provinzposse sondergleichen, dass die Honoratioren der Stadt und ein überschaubares Abo-Publikum den Neubau eines Festspielhauses herbeisehnen, weil zwei DAX-Konzerne mit dem Scheckbuch wedeln (wobei die Telekom ihre Finanzzusage wieder zurückgezogen hat). Die großzügigen Mäzene inszenierten dabei einen eher undurchsichtigen Architektur-Wettbewerb und verwarfen Konzepte, die die Integration der Beethovenhalle vorsahen.
Und die Festspielhausfreunde lassen keinen Tag verstreichen, um der Öffentlichkeit darzulegen, wie unzumutbar der 50er-Jahrebau für die Aufführung der Werke des Musensohnes der Stadt sei. Dabei schrieb die Presse 1958 noch, wie weit das neue Gebäude in die Zukunft reicht. „Bonn als illustrer Festspielort! Wird die Geburtsstadt Beethovens in der Lage sein, gleich Bayreuth und Salzburg musische Atmosphäre internationaler Provenienz, faszinierendes Fluidum einen Mythos bilden? Dann hätte die provisorische Metropole einen großen Wurf auf Endgültiges getan. Sie würde ihrer unbestrittenen Würde als traditionsreiche Universitätsstadt den Glanz der Kunststadt hinzufügen.“
Wirrnisse um Konzepte, Finanzierung, den höchst widersprüchlichen Beschlüssen des Rates, das nicht gerade transparente und bürgerfreundliche Auswahlverfahren der Sponsoren, ständig wechselnde Standorte mit und ohne Abriss der Beethovenhalle hat Wikipedia sehr ausführlich dokumentiert.
Das ganze Spektakel ist kulturpolitisch selbstvergessen und provinziell. Ähnlich peinlich wie die Finanzierung des World Conference Center Bonn (WCCB) durch einen gewissen Herrn Man-Ki Kim von der Weltfirma SMI Hyundai, der als „Glücksfall für die Stadt Bonn“ gefeiert wurde und sich als spektakuläre Seifenblase herausgestellt hat.
Warum konzentriert man sich jetzt nicht auf die Sanierung und Modernisierung der Beethovenhalle? „Fest steht, dass es im Ausschreibungstext für den Architekten-Wettbewerb die Vorgabe gab, das Gebäude im wesentlichen zu erhalten, da es unter Denkmalschutz steht“, so Peter Finger von den Grünen. Die Beethovenhalle sei Teil der Geschichte der Stadt Bonn als Bundeshauptstadt und Regierungssitz. „Die meisten Entwürfe zum Beethoven-Festspielhaus haben diese Vorgabe des Denkmalschutzes nicht berücksichtigt. Ich bin der Überzeugung, dass es – ungeachtet der vielen anderen offenen Fragen im Zusammenhang mit dem Festspielhaus – gelungene architektonische Lösungen gibt, bei denen die wesentlichen Gestaltungsmerkmale der Beethovenhalle (Erscheinungsbild des Hallenkörpers, das Foyer mit den Wandmalereien von Joseph Fassbender) im Sinne des Denkmalschutzes erhalten werden können“, erklärte Finger.
Statt sich in gigantomanischen Phantasieplanungen zu ergehen, sollten sich die 5000 Akteure für Beethoven eher mit der Frage beschäftigen, warum Bonn nicht zur unverwechselbaren Beethovenstadt avancierte und auf dem Niveau von Bayreuth oder Salzburg rangiert.
Sehr viel Zeit bleibt nicht mehr bis zum 250. Geburtstag von Ludwig van Beethoven, der 2020 gefeiert wird. Bis zum 200. Todestag, der sieben Jahre später an der Reihe ist, sollte man auf keinen Fall warten.
Komplette Story, Kommentare, Retweets, Liken, Plussen unter: http://www.theeuropean.de/gunnar-sohn/8834-bonn-und-beethoven
An der Resonanz auf die Einweihung der Beethovenhalle kann man ablesen, wie man dieses Haus in den vergangenen Jahren heruntergewirtschaftet hat und welche Potentiale dieser Musentempel früher hatte. Deshalb sollte man sich auf eine Modernisierung konzentrieren und nicht den Status quo als Grund anführen für den Neuau eines überteuerten Festspielhauses. Das ist anmaßend.
Erstellt von gsohn, 16/11/2011 8:40am (vor 6 Monat)
Ich bin Student, 26 Jahre alt, stehe auf Indie, Rock und Folk, und ja: Auf Ludwig van Beethoven.
Ich habe kein Abo-weil ich es mir nicht leisten kann. Ich kann mir in der Beethovenhalle nur billige Plätze leisten, auf denen ich leider nichts sehe, von der Akustik ganz zu schweigen. Ich ersehne mir endlich eine Konzerthaus in Bonn, in dem ein Konzert Sinn macht.
Was für ein schwachsinniger Bericht. Sie sollten Ihre stereotypischen Bilder von Konzertbesuchern einfach mal überdenken...
Erstellt von Johnny M., 14/11/2011 11:09pm (vor 6 Monat)
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