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Tante Erna, Sherlock Holmes und die dilettantischen Regeln gegen unerlaubte Telefonwerbung - Call Center-Gauner ändern ihre „Geschäftsmodelle“

Von Gunnar Sohn veröffentlicht am 07/07/2009 - 6 Kommentar(e)

 

Berlin/Köln/Nürnberg - Das Gesetz zur Bekämpfung unerlaubter Telefonwerbung wird voraussichtlich in diesem Monat in Kraft treten. Es soll den Verbraucherschutz verbessern und beinhaltet Änderungen des Bürgerlichen Gesetzbuches, des Gesetzes gegen unlauteren Wettbewerb, des Telekommunikationsgesetzes (TKG) und der BGB-Informationspflichten- Verordnung. Kernpunkte sind die „vorherige ausdrückliche Einwilligung" des Verbrauchers zur Telefonwerbung, Bußgeldvorschriften, das Verbot der Rufnummernunterdrückung und ausgedehnte Widerrufsrechte. Aufgrund einer Verweisungstechnik im bisherigen Telekommunikationsgesetz sollten Verstöße gegen Paragraf 102 TKG (Rufnummernanzeige und- unterdrückung) eigentlich mit bis zu 300.000 Euro sanktioniert werden. Doch hier gibt es angeblich nach Interventionen der Call Center-Lobby eine Aufweichung. Die Verweisungstechnik des Gesetzestextes werde nach Informationen des Branchenkenners Jens Eckhardt von der Sozietät JUCONOMY geändert, damit für den Verstoß nur ein moderates Bußgeld von 10.000 Euro anfällt.

„Rechtstechnisch sind die Regelungen ohnehin dilettantisch gestrickt worden. Da wundert mich der Bußgeld-Eiertanz in Berlin überhaupt nicht. Auch die Umsetzung der Rechtsvorschriften wird im Alltag sehr schnell an seine Grenzen stoßen. Wie soll sich denn Tante Erna wehren, wenn sie mit unerlaubter Telefonwerbung belästigt wird und durch die Rufnummernunterdrückung keine Chance hat, den Anrufer zu identifizieren. Die Vorstellung des Justizministeriums, dass die mit einem Notizblock bewaffnete Tante Erna nach Manier von Sherlock Holmes den unerbetenen Call Center-Agenten in ein Gespräch verwickelt und je nach taktischer Vorgehensweise aus ihm herauspresst, wie sein vollständiger Name lautet und in wessen Auftrag er anruft, ist eine amüsante Vorstellung. Wahrscheinlich wird das BMJ nach dieser Empfehlung bundesweite Seminare für die Bürger anbieten: ‚Wie lüfte ich in fünf Minuten die Identität eines Call-Center-Agenten'. Wer es noch schafft, sich den Gewerberegisterauszug der Schwarzen Schafe faxen zu lassen, erhält ein Dankesschreiben von Frau Zypries", so der Einwand des Düsseldorfer Telekommunikationsexperten Udo Nadolski, Geschäftsführer der Beratungsfirma Harvey Nash.

Die Branchengauner zwinge man mit der Gesetzesnovelle nicht in die Knie, prognostiziert auch Call Center-Fachmann Jens Klemann: „Die werden ihr ‚Geschäftsmodell' so abändern, dass sie entweder Abmahnungen und Strafen einkalkulieren oder ihren Geschäftssitz und Firmenstruktur so aufsetzen, das man ihnen nicht an die Wäsche kann", befürchtet Klemann, Geschäftsführer von Strateco und Sprecher des Nürnberger Fachkongresses Voice Days plus. Die härtere Gangart bei der Rufnummernunterdrückung werde den Firmenchefs mit krimineller Energie nur ein müdes Lächeln entlocken. „Es ist aus technischer Sicht ein leichtes - und obendrein schon jetzt gängige Praxis unseriöser Firmen - eine andere Rufnummer als die eigene zu übermitteln. Läge die Beweislast im Falle einer Anzeige durch den Verbraucher beispielsweise beim Call Center selbst, würden alle seriösen Anbieter von sich aus gerne eine umfassende Qualitätssicherung und Dokumentation mit Anrufaufzeichnung einführen", sagt Klemann.

Ins Leere gehe auch das Verbot unerlaubter Telefonwerbung für Anrufe, die aus dem Ausland kommen. Im Wettbewerbsrecht gelte zwar das Marktortprinzip. Es besagt, dass immer das Recht des Landes Anwendung findet, an dessen Markt die Leistung bestimmungsgemäß angeboten wird. „Da bekommt der Geschäftsführer einer verschachtelten Konstruktion von verschiedenen Limited-Gesellschaften, die über mehrere Länder verteilt ist, schon heute einen Lachanfall", resümiert Klemann. In der Call Center-Branche tobt unterdessen ein massiver Streit über die Versäumnisse bei der Selbstregulierung und Bereinigung des Marktes. Die Verbände Call Center Forum und DDV hätten der Politik keine Lösungen angeboten, wie man das Problem in den Griff bekommen kann, so Snt-Chef Harry Wassermann in einem Namensbeitrag für die Zeitschrift Tele Talk. Ehrenkodex und Beschwerdeportale würden nicht ausreichen, um gegen unseriöse Anbieter vorzugehen. „Wie wahrscheinlich ist es, dass das Call Center Forum Bußgelder gegen Mitglieder verhängt, wo doch im Verband nur die Guten organisiert sind", fragt sich Wassermann. Auch mit Strafanzeigen der Branchenverbände gegen Gesetzesbrecher sei nicht zu rechnen.

Die Auswirkungen der Gesetzesänderungen werden am 19. August in einer Kölner Fachtagung der internationalen Unternehmensvereinigung CCBenchmarks diskutiert. Titel: Datenschutznovelle - ist der Kundendialog am Ende? Ort: Hyatt Regency Köln. Weitere Informationen hier.

Filmtipp für Tante Erna.

TeleTalk-Kommentar zum Streit in der Call Center-Branche.

Fachdienst Call Center Experts über die Mär von der Qualität im Call Center.

Bei Anruf Verbraucherzorn! Call Center brauchen Qualitätsstandards.

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Kommentare

  • vielleicht bilden wir auch direkt die ganze Nation zu Hackern von Sprachcomputern aus

    Posted by gunnar, 09/07/2009 3:05pm (vor 1 Jahr)

  • Das BMJ wird sich bestimmt was einfallen lassen, wie Tante Erna auch den komplexesten Sprachcomputer knacken kann. Statt seinen Namen aus dem Call-Center-Agenten herauszukitzeln muss Tante Erna in diesem Fall die Seriennummer des Sprachcomputers in Erfahrung bringen und an die Justiz melden....

    Posted by Helena, 09/07/2009 10:43am (vor 1 Jahr)

  • @Gunnar dann sagen Sie Bananen. In der Tat, Sprachcomputer werden immer mehr eingesetzt bei Gewinnspielen und ähnlichem Mist. Da hat Tante Erna schlechte Karten.

    Posted by Hannes, 07/07/2009 5:23pm (vor 1 Jahr)

  • Mail von einem Technologieexperten. Was macht Tante Erna, wenn ich Outbound-Kampagnen mit automatiserten Sprachsystemen und Avataren durchführe. Muss sie dann den Sprachcomputer in ein Gespräch verwickeln????

    Posted by gsohn, 07/07/2009 4:34pm (vor 1 Jahr)

  • Ein weiteres Problem stellen die "Produkte" der Schwarzen Schafe dar. So wissen wir aus unseren Recherchen, dass vor allem viele kleinere Call Center nach dem Ende des Lotto-Tippschein-Verkaufs nun munter weiter machen und statt dessen z.B. Gewinnspiel-Eintragungsservices anbieten, die dem Nutzer ebenso wenig Mehrwert bieten wie früher die Lottoscheine. Das Kaltakquiseproblem umschiffen diese CCs mittels folgendem oder ähnlicher Tricks: Zunächst werden kaskadierende Webseiten mit Verlosungen z.B. von iPods angeboten, die laut Kleingedrucktem irgendwann in den nächsten Jahren verlost werden, wenn die Interessenten ihe Adressen korrekt angeben und die AGB akzeptieren, die den Betreibern der Webseite alle Freiheiten geben, diese Adressen weiterzuverkaufen.
    Gerne werden diese Adressen dann durch Sprachcomputer weiter qualifiziert, nach dem Motto: "Wenn Sie weitere Infos zu Gewinneintragungsservices wünschen, drücken Sie die eins."
    Danach gehen die Daten meist "schwarz", also ohne Rechnung, an die Schwarzen Schafe, deren Telefon-Drücker dann den letzten Cent aus den Angerufenen herauspressen.
    Warum diesen Abzockern nicht der Hahn zugedreht wird? Ich vermute, weil die Opfer keine Lobby haben - "off protocol" geben die Akteure dieser Organisierten Telefongangster freimütig zu, dass es doch nur Hartz4-Bezieher treffe. Und das ist noch nicht alles: Nach der Adresserhebung, dem Gewinnspieleintragungsserviceverkauf folgen dann Angebote für teure Mehrwertdienste, die über die Telefonrechnung bezahlt werden - am Ende zahlen dann die Arbeitsämter die Zeche. Und die Telefongangster streichen fette Auszahlungen von den Festnetz- oder Handyprovidern für die initiierten Mehrwertdienstanrufe ein. Die enormen mit solchen Methoden zu realisierenden Summen sind derart verlockend, dass es immer genug Akteure geben wird, die die rechtlichen Risiken geringschätzen und in Kauf nehmen.

    Posted by Sebastian Paulke, 07/07/2009 2:58pm (vor 1 Jahr)

  • Wo viel Geld zu verdienen ist, tut sich der Verbraucherschutz seit Menschengedenken schwer. Weder die aktuelle Gesetzgebung noch Ehrenkodex oder sonstige Beschwörungen werden daran etwas ändern. Es gibt zu viel kriminelle Energie und zu wenig Interesse an effektiven Verbraucherschutz. Die Verbraucher werden sich selbst helfen müssen und die schwarzen Schafe mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln zur Rechenschaft ziehen müssen. Da wo die Gewinnspannen sinken, und Unternehmen ständig vor Gericht landen, sinkt die Motivation unlautere Geschäfte zu forcieren

    Posted by Harald Henn, 07/07/2009 2:44pm (vor 1 Jahr)

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