Energie/Umwelt/IT/Smart Grid
Von Gunnar Sohn veröffentlicht am 13/12/2011 - Keine Kommentare

Düsseldorf/Essen/Nürnberg – Alle sprechen vom Smart Grid und doch versteht jede Branche etwas anderes unter dem intelligenten Energienetz der Zukunft, das die Energieerzeuger und -verbraucher vernetzen soll. Deutschlands größtes Projekt der Informations- und Kommunikationstechnologie (IKT) steckt noch in den Kinderschuhen: „Solange jede Branche nur auf ihre eigene Untertasse schaut, werden wir nicht zum Fliegen kommen“, kritisiert Martina Dietschmann vom Netzwerkspezialisten Nash Technologies gegenüber dem Fachdienst Service Insiders.
In Deutschland laufen zwar einzelne Pilotprojekte an wie auf der Nordsee-Insel Pellworm, wo das erste intelligente Stromnetz entstehen soll. Eine grundsätzliche, branchenübergreifende Debatte über die Standards und die Architektur des Smart Grids gibt es jedoch bisher kaum. „Die Telekommunikationsbranche und die Energieindustrie leben in zwei völlig verschiedenen Welten. Wenn wir das neue Energienetz aber durch Kommunikationstechnologien steuern wollen, müssen wir es ganzheitlich betrachten“, erklärt Dietschmann. Die Energiewende und damit der stetig wachsende Anteil dezentraler Energieeinspeisung in die Verteilnetze werde eine ähnlich disruptive Wirkung haben, wie sie die Telekommunikationsbranche in den vergangenen zwanzig Jahren bereits erlebt hat.
Energie in Echtzeit steuern
An die Stelle weniger Versorger treten Millionen kleiner Erzeuger, die per Solardach oder über Mini-Windparks Energie einspeisen. Die fluktuierenden Energieträger – wie Wind und Solar – müssen nahezu in Echtzeit gesteuert werden. Wenn beispielsweise ein Windpark ausfällt, muss die nächstliegende Stadt über andere Kanäle sofort weiterversorgt werden. Zugleich werden die Bundesbürger über ihre Elektroautos deutschlandweit Strom von unterwegs abzapfen. Über Smart Grid-Konzepte und die zugehörigen Smart Meter werden neben völlig neuen Geschäftsmodellen auch ganz andere Mess-Standards entwickelt, prognostiziert die Expertin des Netzwerkausrüsters. „Ein Mess-Stellenbetreiber, der seit Jahrzehnten für die Energiebranche die Hauszähler kontrolliert, hat dies in der Regel nicht im Blick.“
Internet als Fußnote in der Vorlesung über Starkstrom
Und auch die Forschungs- und Entwicklungsabteilungen der Energie-Branche haben noch Defizite: „Überspitzt gesagt darf das Internet nicht mehr nur eine Fußnote in der Starkstrom-Vorlesung sein. Die Branche sollte sich das hohe Innovationspotenzial der IKT-Branche zu Nutze machen.“ Umgekehrt müsse sich die Telekommunikationsbranche mit der spezifischen Situation in der Energiebranche auseinandersetzen. „Solardächer und kleinere Windparks laufen über das Mittel- und Niederspannungsnetz. Genau dieses Netz wird über intelligente Kommunikationstechnologien gesteuert werden.
Auf der Fachmesse e-World, die vom 7. bis 9. Februar 2012 in Essen stattfindet, stellt die Firma Nash Technologies einen „Demonstrator“ ihres Smart Energy Testing Frameworks vor, welches die verschiedenen Protokollstandards unter einen Hut bringt. Eine Testumgebung simuliert die gesamte Kette vom Smart Meter-Gerät bis zur Plattform, auf der die Datenpakete gesammelt und weitergeschickt werden. Dabei ist die Testumgebung „Carrier Grade“ gestaltet – sie funktioniert also zu 99,999 Prozent zuverlässig. „Carrier Grade bedeutet, dass das System eine Ausfallwahrscheinlichkeit von maximal fünf Minuten pro Jahr hat“, so Dietschmann. Diese Stabilität werde immer wichtiger, wenn in Deutschland nicht mehr Pilotprojekte im Fokus stünden, sondern eine deutschlandweites Smart Grid. Denn das neue System muss Lasten tragen – und darf nicht bei jeder Schwankung ins Stocken geraten oder gar zusammenbrechen. Nur ein derartig stabiles Kommunikationsnetz erfüllt damit alle zukünftigen Anforderungen, die ein schon heute hochverfügbares Energienetz von einem Smart Grid verlangt.
Für Dietschmann ist letzten Endes klar: „Die Energie- und die Telekommunikationsbranche gehören für die Smart Grid-Entwicklung zusammen – so wie Muskeln und Nervensystem beim Menschen.“ Wie stark die beiden Branchen zusammenwachsen, wird sich auf der e-World zeigen.
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