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Wirtschaft/Finanzen/Börse/Medien/USA
Von NeueNachricht veröffentlicht am 08/08/2011 - 2 Kommentar(e)

Berlin/Bonn - Wieder erlebten wir eine Woche der Panik, der Schreckensbotschaften, der Crash-Szenarien und Horrormeldungen an den internationalen Finanzmärkten. Erst jubelten die Analysten über das Ende des Schuldenstreites, der wie eine schlechte Inszenierung eines Shakespeare-Dramas von Demokraten und Republikaner in den USA aufgeführt wurde. Nun verzeichnen vor allen Dingen die riskanten Zockerpapiere dramatische Verluste – weil es angeblich an der Glaubwürdigkeit der Staatsregierungen mangelt, ihre Haushaltsführung in den Griff zu bekommen. Das Konzert des Wehklagens wird begleitet von Analystenstimmen auf dem Niveau von Bauernkalendern, schreibt Gunnar Sohn von NeueNachricht in seiner Kolumne für „The European“.
Denn in Wahrheit wissen die Fondsmanager, Analysten, Makler und Händler in den Tempeln des Casino-Kapitalismus nichts – außer vielleicht den Kontostand ihrer Spekulationen. Sie sind ständig überfordert, weil sie Zusammenhänge, Volkswirtschaften und Unternehmen analysieren, „die viel zu komplex sind, um jemals für Außenstehende durchschaubar zu sein“, bemerkt Georg von Wallwitz. Die Entstehung der neuzeitlichen Finanzmärkte sei gespickt mit Fehlurteilen. Das liege daran, dass die Akteure an diesen Märkten, die Finanziers, Investoren und Spekulanten, nicht dem Ideal eines klugen, geduldigen, verständigen und berechnenden Menschen entsprächen, so der Fondsmanager, Philosoph und Mathematiker Wallwitz.
„Euer Schelmenzeug erfüllt mein Reich mir mit Gestank“
Wirtschaftliche Rationalität ist eben eine Schimäre. Ich kann die Börsenbubis noch nicht einmal als liebwerteste Gichtlinge titulieren. Das wäre viel zu harmlos. „Feiste Schleckerbruth“, „Schinder“, „Wucher-Pack“ und „gemeine Blutegel“ hätte Rabelais sie genannt: „Euer Schelmenzeug erfüllt mein Reich mir mit Gestank.“ Es sind Schnösel-Krieger in Maßanzügen, Designerhemden, Edelkrawatten und Budapesterschuhen, denen an den universitären Denkfabriken kräftig ins Gehirn geschissen wurde, wie es der Kabarettist Volker Pispers so erfrischend deutlich ausgesprochen hat.
Heraus kommen Ökonomie-Eunuchen, BWL-Amöben und Geldjongleure. Ihre Lehrmeister ignorieren, dass man ökonomische Zusammenhänge nicht in Ceteris-paribus-Formeln kloppen kann. Dennoch werden Investmentbanken mit Legionen von Hochschulabsolventen versorgt, die die Finanzmärkte mit zweifelhaften Modellannahmen dirigieren wollen. Wo die Ungewissheit wuchert, versagen leider auch die besten Simulationsrechnungen.
Es sind zwei Herren, die als Symbol des finanzkapitalistischen Wahnsinns in Erinnerung gerufen werden sollten. Myron Scholes und Robert Merton, die für ihre „Verdienste“ sogar mit dem Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften ausgezeichnet wurden. Ihre theoretischen Fata-Morgana-Obsessionen setzten sie in dem Hedge Fonds „Long-Term Capital Management“ in die Praxis um. „Die Instrumente, mit denen sie arbeiteten, waren damals nur einer Minderheit von Eingeweihten vertraut: ABCPs, Carry Trades, CDOs, Optionen, Leerverkäufe, Derivate und andere, noch exotischere ‚Produkte‘“, schreibt Hans Magnus Enzensberger in seinen „Mathematischen Belustigungen“ (edition unseld). In den ersten Jahren erwirtschafteten sie mit einem Eigenkapital von nur vier Milliarden Dollar eine Rendite von 30 bis 40 Prozent. Das biblische Mirakel der Brotvermehrung mutet dagegen kümmerlich bescheiden an.
Die Modelle der preisgekrönten „Wissenschaftler“ beruhen allerdings auf Simplifizierungen der Wahrscheinlichkeitsrechnung. Die Gaußsche Normalverteilung widerspricht der Realität des Marktes. „Dazu kommt noch eine weitere Fehlerquelle. Die Modelle, mit denen Händler, Banken und Versicherungen arbeiten, sind, wie der Mathematiker Yuri Manin sagt, in hohem Maße in der Software ihrer Computer codiert. Damit gängeln diese Programme als eine Art Kollektiv-Unbewusstes das Verhalten der Akteure“, führt Enzensberger aus.
Betonung auf Anal und wenig lyse
Aber gerade die unerwarteten Umstände schaufelten das Spekulationsgrab, in das Scholes und Merton hineinfielen. Der Hedge Fonds LTCM kollabierte 1998, führte zu einem Verlust von über vier Milliarden Dollar und machte einen Rettungsplan notwendig, an dem sich bekannte Namen als Samariter betätigten: Bear Stearns, Lehman Brothers, Merill Lynch, Morgan Stanley und Goldman Sachs – natürlich auch die Deutsche und Dresdner Bank. Scholes wurde zwar wegen Steuerhinterziehung in Höhe von 40 Millionen Dollar verurteilt, arbeitet aber nach wie vor als Fondsmanager. Und Merton? Er lehrt wieder Ökonomie an der Harvard Business School, wo er die Analysten der Zukunft ausbildet – mit Betonung auf Anal und wenig lyse. Für beide Spekulatius-Luschen beantrage ich die Aberkennung des Nobelpreises, wenn das überhaupt geht. Schließlich müssen auch des Dopings überführte Tour-de-France-Sieger ihre Krone wieder zurückgeben. Als politische Therapie gegen die Hybris des Finanzkapitalismus fordert der Liebwerteste Gichtling-Kolumnist mehr Regulierung und weniger Rettungsschirme. Hier geht es zur Kolumne im Debattenmagazin „The European“: http://www.theeuropean.de/gunnar-sohn/7629-casino-kapitalismus
Nur zwischen dem Konzept der Sozialen Marktwirtschaft im Geist von Ludwig Erhard und dem Raubtierkapitalismus auf den Finanzmärkten liegen Lichtjahre. Da gibt es überhaupt keine Gemeinsamkeiten. Wir brauchen einen neuen Ordnungsrahmen für die Exzesse der Spekulanten, eine bessere Finanzmarktregulierung - da liegen leider keine guten Vorschläge vor, die international fruchten würden. Hier wären jetzt die G7-Staatschefs gefragt, eine ordentliche Agenda aufzusetzen.
Erstellt von gsohn, 09/08/2011 3:56pm (vor 2 Jahre)
Ein brillianter Artikel! Ich unterstütze die Forderung nach Aberkennung der Nobelpreise! Wie wäre es mit einer Netzabstimmung?
Seit langem beobachte ich kopfschüttelnd die Entwicklungen auf den Finanzmärkten und die entsprechende universitären Angebote, sich für die Ausführung dieses volkswirtschaftlichen Unsinns zu qualifizieren. Methodisch ausgearbeitet und von Null-und-Eins-schaltenden Programmen mit 'intelligenten' Verdichtungsalgorithmen und statistischer Basis für die Zukunft der Welt berechnet...
Als seien Kapitalismus und (soziale?) Marktwirtschaft das einzig wahre, seit Jahrtausenden bewährte, friedenserhaltende Weltwirtschaftssystem... Shareholdervaluewahnsinn und BWL-Verbildung in einer brisanten Mischung. Trotzdem erhält uns das System seit "Generationen" Wohlstand und Frieden. Wer wagt zu bezweifeln, das es dauerhaft hält? Wir wissen doch aus der Vergangenheit, dass es klappt! Aus der Geschichtsschreibung der letzten Jahr...äh... äh..., oh, sind es wirklich erst Jahrzehnte?
Das kann doch nicht sein... Da muss sich die Geschichte irren. Unsere Generation jedefalls kann sich weder an Kaiser, noch an Könige erinnern und auch nur noch verschwommen an Nationalsozialismus. Das ist doch alles so wahnsinnig lange her...
Wer war nochmal Rabelais?
Öl, Shareholdervaluewahnsinn und BWL-Verbildung sichern uns heute Wohlstand und Frieden.
Danke für den Artikel. Ich verbreite ihn weit.
Erstellt von Vera Münch, 09/08/2011 8:28am (vor 2 Jahre)
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