Wirtschaft/Familie/Beruf
Von Silke Landwehr veröffentlicht am 16/10/2009 - Keine Kommentare
Hamburg/München - Die Noch-Familienministerien Ursula von der Leyen proklamiert nette Botschaften, wenn es um ihr Lieblingsthema Frauen und Arbeit geht: „Jedes Unternehmen, dass meint, auf die Hälfte der Talente verzichten zu könnten, das katapultiert sich erbarmungslos ins Aus". Soweit die Wahlkampf-Theorie. In der Realität sieht das anders aus, wie ein NDR-Fernsehbeitrag der Sendung „Panorama" unter Beweis stellte. Frauen, die nach der Geburt ihres Kindes wieder ins Berufsleben zurückkehren wollen, haben es schwer in Deutschland. Auch das Teilzeitgesetz hat noch nicht zu einer Besserung am Arbeitsmarkt beigetragen. Schikanen und Mobbing bei weiblichen Arbeitskräften, die eine Teilzeitbeschäftigung anstreben sind an der Tagesordnung. Dabei haben Mütter und Väter nach dem Gesetz nicht nur ein Recht auf Weiterbeschäftigung in und nach der Elternzeit, sondern auch einen Anspruch, in Teilzeit arbeiten zu dürfen, sofern das Unternehmen mehr als 15 Mitarbeiter hat. „Doch auch der Arbeitgeber hat Rechte: Er kann den Antrag auf Teilzeit ablehnen, wenn er ‚betriebliche Gründe' vorweisen kann. Diese Chance nutzen viele Firmen, um teilzeitwillige Mütter loszuwerden. Denn sie wissen: Kaum eine Mutter zieht vor Gericht", so Panorama.
Bei der Burda-Zeitschrift InStyle gibt man sich nach außen zwar sehr fortschrittlich beim Thema Teilzeit. Schaut man hinter die Kulissen, dann bleibt von der heilen Welt nicht mehr viel übrig. InStyle-Chefredakteurin Anette Weber rät jeder Frau, Kinder zu bekommen: „Das ist das schönste auf Welt. Kinder machen uns Frauen auch sehr glücklich". Sie findet das Teilzeitgesetz einfach klasse: „Ich wäre die Erste, die dieses Gesetz verabschiedet hätte. In der Theorie (!) ist dieses Gesetz richtig und notwendig. Es ist in der Praxis nur sehr holprig und schwierig umzusetzen". Deshalb habe InStyle wohl nur vier Teilzeitstellen und der Bayerische Journalistenverband berichtet davon, dass Teilzeitwünsche anderer Frauen abgeschmettert wurden. Eine Redaktion, so die Fashion-Frau Weber, sei ja kein betreutes Wohnen.
In Schönwetterzeiten könne man es sich eher erlauben, Teilzeitbeschäftigte mitzuschleppen. Aber in Krisenzeiten müsse jeder Mitarbeiter leider nicht nur 100 Prozent, sondern 150 Prozent geben. Da sei es mit Teilzeitkräften oft sehr schwierig. Als Alternative werde nach Informationen des Journalistenverbandes nur die Möglichkeit geboten, entweder wieder Vollzeit zu arbeiten oder gar nicht mehr zu arbeiten.
Das scheint immer noch ein sehr deutsches Problem aus den Zeiten des Industriekapitalismus zu sein. Arbeitnehmer müssten immer noch „Allzeitverfügbar" sein, wie die Soziologin in einer Studie Angelika Koch in einer Studie nachgewiesen hat: „Man setzt den Vollzeitmitarbeiter voraus, der uneingeschränkt verfügbar ist. Schreibt dem Vollzeitmitarbeiter zu, dass nur er Bestleistungen erbringen kann. Und da zeigt sich ein interessantes Muster. Arbeitsqualität wird gleichgesetzt mit Arbeitszeit", so Koch im Interview mit Panorama.
Da haben wir es wieder. Die physische Präsenz am betrieblichen Arbeitsplatz ist wichtiger als flexible Arbeitsbedingungen, um Beruf und Privatleben unter einen Hut zu bringen. Es mag schon viele Firmen geben, die das anders handhaben. Mehr Freiheiten in der Festanstellung, wie sie Markus Albers in seinem Opus „Morgen komm ich später rein", beschreibt, sind bei uns eher die Ausnahme, obwohl die Kommunikationstechnologien es heute ermöglichen, die volle Arbeitsleistungen an fast jedem Fleck der Erde zu vollbringen.
Siehe auch:
Annette Weber - Instyle aber out of touch.
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