Banken/Wirtschaftskrise/Kreditvergabe

Kreditgeiz, Falschberatung und Arroganz: Banken würgen die Konjunktur ab - Berichten Sie auf NeueNachricht über Ihre Erfahrungen mit Finanzinstituten

Von Gunnar Sohn veröffentlicht am 06/07/2009 - 7 Kommentar(e)

Berlin/Bonn - Trotz Niedrigzinsen und Bad-Bank-Gesetz geizen viele Banken bei der Vergabe von Krediten. Das berichtet Spiegel Online. Wirtschaftsminister Karl-Theodor zu Guttenberg hält das für „unzumutbar" - und droht den Instituten Zwangsauflagen an. Der Bundeswirtschaftsminister wirft den Banken eine zu zögerliche Kreditvergabe vor. Einige Institute würden sich bei niedrigen Zinsen mit Kapital ausstatten und seien nicht bereit, das Geld in Form von Krediten weiterzugeben, sagte der CSU-Politiker Spiegel Online zufolge. „Die niedrigen Zinsen der Zentralbank dürften nicht lediglich zur Sanierung der Bankbilanzen dienen, schimpfte Guttenberg. Die Institute hätten sich in den vergangenen Jahren überhöhte Risiken erlaubt", so Spiegel Online weiter. Die Bundesregierung suche Ansätze, Banken zu der Erfüllung ihres Kreditauftrages zu verpflichten. Allerdings sei das rechtlich schwierig umzusetzen.

Der Zugang mittelständischer Unternehmen zu Krediten hat sich im Juni offenbar deutlich verschlechtert. Zu diesem Ergebnis kommt der Zentralverband Elektrotechnik- und Elektronikindustrie (ZVEI) in einer aktuellen Umfrage unter 1600 Mitgliedsunternehmen. 57 Prozent gaben zu Protokoll, dass sie derzeit eine Kreditklemme spürten. Wirtschaftswissenschaftler werten die Kreditklemme als größte Bedrohung für die Wirtschaft. „In Zeiten, die so weit jenseits der Normalität liegen, führen die traditionellen Methoden der Bestimmung der erforderlichen Konjunkturimpulse in die Irre", warnen beispielsweise die Ökonomen George A. Akerlof und Robert J. Shiller.

Die politischen Akteure müssten deshalb auch eine Vorgabe für das Volumen der unterschiedlichen Kredite entwickeln, das gewährt werden soll. „Dieses Ziel sollte dem Kreditvolumen entsprechen, das normalerweise mit Vollbeschäftigung einhergeht", so Akerlof und Shiller. Es müssten Kredite für diejenigen verfügbar sein, die sie unter normalen Umständen verdienen. Die Idee eines Kreditziels sei außerordentlich wichtig, damit Unternehmen, die auf Fremdkapital zählen, nicht künstlich in die Pleite getrieben werden. „Wir sehen vor allem die Verschlechterung der Kreditbedingungen für Klein- und Mittelbetriebe mit Sorge. Jetzt rächt sich, dass die Bundesregierung den Banken einen Schutzschirm aufgespannt hat, ohne sie, wie etwa Großbritannien, zur Mittelstandsfinanzierung zu verpflichten", moniert Mario Ohoven, Präsident des Bundesverbandes mittelständische Wirtschaft (BVMW). Auch DIHK-Chef Hans Heinrich Driftmann fordert eine Verknüpfung von Bankenhilfen und Kreditvergabe. Die Banken würden die Staatshilfen zunächst dafür nutzen, um sich zu sanieren: „Gefährlich wird es, wenn sie dabei vergessen, ihre Rolle für die Realwirtschaft wahrzunehmen und stattdessen nur so schnell wie möglich zu alten Renditezielen zurückkehren wollen", erklärte Driftmann im Interview mit der Wirtschaftswoche. Das Kundenkreditgeschäft müsse so schnell wie möglich wieder intensiviert werden. Bundesbank, BaFin und der Bankenrettungsfonds Soffin müssten offen legen, wie die Banken die staatlichen Gelder einsetzen.

Die Unterkapitalisierung vieler Mittelständler gebe Anlass zur Sorge, meint BVMW-Präsident Ohoven. Dadurch seien in Zeiten einer globalen Finanzkrise und knappen Geldes Insolvenzen vorgezeichnet. Zur Verbesserung der Eigenkapitalausstattung im Mittelstand schlägt Ohoven einen Drei-Punkte-Plan vor: die steuerliche Freistellung aller im Betrieb verbleibenden Gewinne; die Senkung der Mehrwertsteuer um drei Prozentpunkte und die vollständige Abschaffung der Erbschaftsteuer.

Auch die Qualität der Bankberatung und der Umgang mit Kunden hat sich nach der von den Finanzinstituten zu verantwortenden Wirtschaftskrise nicht verbessert - eher das Gegenteil ist der Fall. Zu diesem Ergebnis kommt eine umfangreiche Stichprobe des Verbraucherzentrale Bundesverbands (vzbv) in Zusammenarbeit mit der ZDF-Redaktion WISO. Demnach gelingt es nur einem von 25 Bankberatern, den finanziellen Hintergrund eines möglichen Kunden auszuleuchten und dann auch richtig zu beraten. Die Testerin gab sich als angeblich 55 Jahre alt aus, die als Sekretärin arbeitet. Sie ist alleinerziehender Single mit einem Sohn (24 Jahre und Student). Sie hat im Mai eine Erbschaft von 95.000 Euro gemacht. Wichtige Kriterien sind außerdem: Eine laufende Immobilienfinanzierung: die Kredittilgung läuft bis 2013, monatliche Rate 405 Euro. Die Restschuld ist dann noch 33.000 Euro groß (ohne Sondertilgung). Jährliche Sondertilgungsmöglichkeiten von 2500 Euro gibt es. Das heißt bis 2013 können 12.000 Euro sondergetilgt werden, dann beläuft sich die Restschuld auf nur noch etwa 19.000 Euro.

Der Kundenwunsch: Eine sorgfältige Beratung, wie man das Erbe am besten anlegen kann. Das Anlageziel: ist noch etwas unklar - das Geld soll für das Alter zur Verfügung stehen. Die Risikobereitschaft: eher sicher, bereit mit kleinem Anteil mehr Risiko einzugehen (10.000 Euro). Das Testergebnis ist desaströs. So gelingt es nur einem von 25 Bankberatern, den finanziellen Hintergrund eines möglichen Kunden auszuleuchten und dann auch richtig zu beraten. „Ich bekomme täglich einiges an Falschberatung auf den Tisch. Trotzdem ist es bestürzend, dass von 25 Beratern tatsächlich 24 schon im Ansatz scheitern", kommentiert Arno Gottschalk, Finanzexperte der Verbraucherzentrale Bremen, das Ergebnis. Bankmitarbeiter berichten, dass die Krise intern nicht thematisiert wird. Sie sollen verkaufen, was die Unternehmensleitung für gut befindet.

Kann man sich auf solchen Ranglisten verlassen?

Ganz oben auf der Verkaufsliste der Banken stehen zwei Produkte: In 14 der 25 Gespräche wurden offene Immobilienfonds als sichere Geldanlage angeboten, geworben wurde unter anderem mit Sätzen wie „Dieser Fonds macht niemals minus". Betont wurden die Renditewerte der Vergangenheit oder vermeintliche Steuervorteile. Weiteres Top-Produkt der Bankmitarbeiter waren, für die Tester überraschend, Rentenversicherungen. Zwölf der Berater hatten eine solche Versicherung im Angebot, meist wurde erst auf Nachfrage erklärt, wie hoch die garantierte Rendite im Gegensatz zu den versprochenen Überschüssen ist. Bei der Sparda-Bank in Köln wurden der Testkundin gar drei Rentenversicherungen mit vier, sechs und zwölf Jahren Laufzeit angeboten. Ebenfalls in Köln bot die SEB Bank sogar eine sofortige Verrentung an ? danach wurde überhaupt nicht gefragt. Bei der Sparda-Bank in Köln sollte sogar für den abzulösenden Kredit (in vier Jahren) und dem Wunsch, ein Auto zu kaufen (in sechs Jahren), kurz laufende Rentenversicherungen abgeschlossen werden. Dabei wurden Renditen von rund drei Prozent pro Jahr in Aussicht gestellt, nicht aber garantiert. Für Arno Gottschalk von der Verbraucherzentrale Bremen ist die Empfehlung von Rentenversicherungen kein Wunder, denn hier werden hohe Provisionen gezahlt. Finanzexperten sehen die Provisionsgeschäfte als Grundübel der aktuellen Krise. Kunden würden nach dem LEO-Prinzip gewonnen: „Leicht erreichbare Opfer". Die Bankberater sollten daher persönlich haften für falsche „Empfehlungen". „Eine Rentenversicherung ist das klassische Produkt, bei dem man eine hohe Provision verdienen kann. Es ist nach wie vor eher undurchsichtig und für denjenigen, der Geld anlegen soll, schwer verständlich", kritisiert Arno Gottschalk. Für den Verbraucherzentrale Bundesverband ist das Ergebnis ein Alarmsignal: „Von einem Umdenken in der Bankenbranche ist nichts zu sehen. Es wird weiter am Bedarf vorbei verkauft. Die Risiken der empfohlenen Produkte werden verschwiegen", so Manfred Westphal, Leiter des Fachbereichs Finanzdienstleistungen. Den politischen Absichtserklärungen, die Finanzmärkte und die Finanzvermittlung stärker zu regulieren, müssten bald Taten folgen. Die Zeit zum Handeln sei längst überfällig.

NeueNachricht ist an weiteren Erfahrungen von Bankkunden interessiert. Per Mail zuschicken oder direkt als Kommentar veröffentlichen.

Weitere Erfahrungsberichte finden Sie hier. 

BVMW-Umfrage zum Thema:

"Der Mittelstand steckt in einer Kreditklemme und erwartet deshalb von der Bundesregierung ein klares steuerpolitisches Signal." Das erklärte der Präsident des Bundesverbandes mittelständische Wirtschaft (BVMW), Mario Ohoven, bei der Vorstellung einer aktuellen Unternehmerumfrage zur Bundestagswahl. Danach schätzen die Mittelständler ihre eigene Geschäftslage derzeit überwiegend positiv ein, leiden aber in zunehmendem Maße unter mangelnder Liquidität und beklagen verschlechterte Kreditbedingungen ihrer Hausbanken.

An der repräsentativen Umfrage des BVMW haben insgesamt 1.503 Unternehmerinnen und Unternehmer im Zeitraum vom 16. Juni bis 6. Juli teilgenommen. Fast drei Viertel, knapp 73 Prozent, bewerten ihre gegenwärtige Geschäftslage als befriedigend oder besser, rund 83 Prozent rechnen mit einer weiteren Verbesserung in 12 Monaten.

Deutlich verschlechtert hat sich dagegen für fast jeden zweiten Mittelständler (46,7 Prozent) die Liquiditätssituation im Vergleich zum Vorjahr. Für 38,4 Prozent der Unternehmen sind die Kreditkonditionen in den vergangenen vier Monaten schlechter geworden, fast 79 Prozent setzen auch in Zukunft auf die Finanzierung aus Gewinnen zur Stärkung ihrer Eigenkapitalbasis.

Von den Konjunkturpaketen der Bundesregierung haben 93,1 Prozent der Klein- und Mittelbetriebe bisher nicht profitiert. Der übergroßen Mehrheit der Unternehmen (88,3 Prozent) wurden zudem von der Hausbank im Rahmen einer Finanzierung keine KfW-Mittel angeboten. Mittelstandspräsident Ohoven sprach sich in diesem Zusammenhang für eine befristete Aussetzung des Hausbankenprinzips aus. "Die Bundesregierung muss die Banken notfalls mit gesetzlichem Nachdruck dazu bringen, ihre Kernaufgabe zu erfüllen, nämlich den Mittelstand mit Krediten zu versorgen."

In der Steuerpolitik messen die mittelständischen Unternehmer einer Steuerfreistellung für re-investierte Gewinne die größte Bedeutung zur Liquiditätssicherung bei, gefolgt vom Verzicht auf die Besteuerung gewinnunabhängiger Elemente bei der Gewerbesteuer. Ohoven forderte im Ergebnis der Unternehmerumfrage Steuersenkungen auf breiter Front: Abflachung des Mittelstandsbauchs bei der Einkommensteuer, Abschaffung der Erbschaftsteuer, Senkung der Mehrwertsteuer um drei Prozentpunkte, schrittweiser Abbau des Solidaritätszuschlags bis 2013. Dafür gebe es trotz Rekordverschuldung finanzielle Spielräume, betonte der Mittelstandspräsident.

Rund 70 Prozent der Mittelständler erwarten von einer Koalition aus CDU/CSU und FDP nach der Bundestagswahl die mittelstandsfreundlichste Politik, etwas über acht Prozent wollen nicht zur Wahl gehen. Dazu Ohoven: "Ich kann nur hoffen, dass die Politik diese deutlichen Botschaften aus der Wirtschaft richtig interpretiert und danach handelt."

 

 

Geben Sie einen Kommentar ab

Kommentare

  • Banken-Arroganz
    Die Credit Suisse erzielte erneut einen hohen Gewinn und betonte, wie wichtig ihr das Vertrauen der Kunden sei. Die Praxis im Falle Lehman Brothers sieht anders aus: siehe www.banken-arroganz.ch
    Bankenombudsmann Hanspeter Häni sagte am 7.7.09 vor den Medien, es gebe «zu viele Fälle, wo das Vertrauen der Kunden mit Füssen getreten» worden sei. Er kritisierte, Bankberater hätten risikoscheuen Sparern den Kauf von Lehman-Papieren nahegelegt, ohne sie über die damit verbundenen Risiken aufzuklären (Bund vom 8.7.09).
    Bis jetzt hat die Credit Suisse nicht auf meine Argumente, sondern immer nur auf grossen Druck reagiert. Ich habe Klage gegen die CS eingereicht.
    Mit freundlichen Grüssen
    Hugo Rey

    Erstellt von Rey Hugo, 23/07/2009 10:48pm (vor 3 Jahre)

  • denen wird aber bald das Lachen vergehen. Auch Kunden können sich zur Wehr setzen. Märkte sind Gespräche.

    Erstellt von gunnar, 09/07/2009 3:06pm (vor 3 Jahre)

  • @Axel: Ne, haben sie nicht. Aber so lange die bundesdeutsche Öffentlichkeit diese Tatsache einfach akzeptiert, werden die Super-Banker in ihrer weiter ihre Überheblichkeit kultivieren.

    Erstellt von Helena, 09/07/2009 9:34am (vor 3 Jahre)

  • @Helena Da gebe ich Dir vollkommen recht. Diese Schnösel in den Banken haben den Schuss noch nicht gehört.

    Erstellt von Axel, 08/07/2009 12:22am (vor 3 Jahre)

  • Perfide: Die unfähigen und raffgierigen Banker bescheren und diese Krise, der Staat stellt Gelder bereit, die den Unternehmen und Menschen helfen soll, die dadurch unverschuldet in eine Schieflage geraten sind. Und DIESE Banker verweigern jetzt die Auszahlung der Darlehen. Banken brauchen scharfe Kontrollmechanismen und ihre Kunden eine gehörige Portion öffentlicher Empörung.

    Erstellt von Helena, 07/07/2009 1:09pm (vor 3 Jahre)

  • Die Aufsichtsbehören müssten härter gegen Banken in Aktion treten. Merkel hätte mehr Bedingungen an die Rettungspakete knüpfen müssen.

    Zur Beratung: Da müsste es eine Behörde wie die Bundesnetzagentur geben und eingreifen können.

    Erstellt von Egbert, 06/07/2009 3:36pm (vor 3 Jahre)

  • Ich kann den Bericht und auch den WISO-Test nur bestätigen. Man wird als Mittelständler von den Banken behandelt wie ein Bettler - auch wenn man immer ein solventer Kunde war. Das interessiert die Banker nicht die Bohne. Hier muss der Staat zu härteren Maßnahmen greifen.

    Erstellt von Ina, 06/07/2009 12:20pm (vor 3 Jahre)

RSS Feed für die Kommentare auf dieser Seite | RSS feed für alle Kommentare