Kunst/Bonn
Von NeueNachricht veröffentlicht am 14/07/2010 - Keine Kommentare
Im Gespräch über den Künstler mit Wolfgang Glöckner, Autor mehrerer Veröffentlichungen über Josua Reichert:
„Josua Reichert ist heute auf dem Gebiet der Typographie der wichtigste Künstler, den wir in Europa haben", schrieb Dieter Ronte 1999 über den neuen Träger des Jerg-Ratgeb-Preises, der alle vier Jahre in Reutlingen von der HAP Grieshaber-Stiftung vergeben wird. In den Arbeiten des Druckers, der entscheidende Impulse durch HAP Grieshaber und Hendrik Nicolaas Werkman empfing, verschmelzen Schrift und Bild, Text und Typographie zu einer neuen Einheit und führen in eine neuartige ästhetische Dimension. Reicherts ebenso singuläres wie innovatives Werk, das in fünf Jahrzehnten entstand, besticht durch innere Kohärenz und äußerste Konsequenz.
Mit seinen kraftvollen, farbigen Schrift-Bildern spannt Reichert einen weiten Bogen über die Schriftkulturen, Weltliteraturen und Zeiten. Er druckt mit lateinischen, griechischen, kyrillischen, hebräischen und arabischen Schriften; sein Textkanon reicht von der Antike bis in die Gegenwart. Eine Beschränkung auf Kulturkreise und Epochen lässt er nicht gelten. In Josua Reichert begegnet uns ein Drucker, der auszog, die typografische Welt zu vermessen. Für die Auswahl der Gedichte, Fragmente und Sentenzen, die er aus den Büchern aller Zeiten herausholt und uns durch seine Schrift-Bilder, die uns zugleich Lesen und Sehen abverlangen, vor Augen führt, gilt nur ein Kriterium: Die Texte müssen sein Innerstes berühren und seine typographische Fantasie beflügeln.Von Anbeginn an druckt Reichert auch Typobilder, die er als „poesia typographica" bezeichnet: Buchstabenarchitekturen und Buchstabenlandschaften zumeist, aber auch Bilder, auf denen Buchstaben, gar Wörter gänzlich fehlen, Kompositionen aus Linien, Punkten, Kreisen, Rechtecken und Dreiecken.
Werke des Druckers finden wir in Bibliotheken, Bildungsstätten, Firmen, Verwaltungs- gebäuden, Gerichten, Kliniken und in einer Schlosskapelle. So hängen zum Beispiel die „Stuttgarter Drucke", 36 großformatige Arbeiten, in der Württembergischen Landes- bibliothek.
Ein Spezifikum in Reicherts Werk stellt eine Reihe von Heften, Broschüren und Konvuluten dar, die er seit Ende der 1980er Jahre druckt und deren Anzahl mittlerweile auf rund vierzig angewachsen ist. Die Druckstücke, in Format und Umfang unterschiedlich, habe er, schreibt Reichert „in stetem Bezug" auf seine Arbeit konzipiert. Sie enthalten Originaltypos, Abbildungen, Fotos und Texte, die er „selber gedruckt, veranlasst, gefunden oder geschrieben" habe. Es sind, alles in allem genommen, autobiographische Abrisse und Fokussierungen und sorgfältig ausgearbeitete Selbstvergewisserungen vor der Geschichte der Typographie.
Den Charakter der Hefte brachte Lothar Lang bereits 1994 auf den Punkt, indem er schrieb: „In der Folge der Hefte erlebt man durch Erinnerungstexte ( Ich bin als letzter auf den fahrenden Grieshaber-Zug aufgesprungen ), Werkstattberichte, Tagebuchaufzeichnungen und Fotos die Entstehung einer Autobiographie, wie sie wohl noch nicht in Literatur und bildender Kunst existiert, eine work-in-progress-Dokumentation." Die Hefte spiegeln ein Werk, das sich im Fluss befindet und kontinuierlich voranschreitet.
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