Wissenschaft/Informationstechnologie

Intelligente Kleidung und Brillen-PCs für Ärzte und Techniker - Eingabe von Informationen über Sprach- und Gestenerkennung

Von Gunnar Sohn veröffentlicht am 16/07/2009 - 4 Kommentar(e)

Bremen/Nürnberg/Berlin/Zürich/Graz - Minicomputer, die in Kleidung, Brillen oder Armbanduhren integriert sind, sollen Menschen im Privat- und Berufsleben das Leben erleichtern. So genannte „wearble computers" könnten beispielsweise Ärzten zeitraubende Dokumentationsarbeiten abnehmen oder Techniker bei Wartungsarbeiten unterstützen. Medienberichten zufolge arbeitet das Bremer Technologiezentrum Informatik und Informationstechnik an einem Forschungsprojekt für intelligente Kleidung, die im Automobil- und Flugzeugbau, im Krankenhaus oder bei der Feuerwehr zum Einsatz kommen kann. Entscheidend sei es, Computer nutzen zu können, ohne die Arbeit zu unterbrechen. In der Erprobung befinden sich beispielsweise „Retinaldisplays". Das sind Brillen, die im Gestell einen kleinen Laser eingebaut haben. Der Laser erzeugt ein Bild, das auf ein kleines Prisma im Brillenglas gelenkt wird. Richtig interessant wird es nach Überzeugung von Professor Friedemann Mattern von der ETH Zürich, wenn der Brillenträger computergenerierte Informationen eingeblendet bekommt, die speziell in der jeweiligen Situation für ihn nützlich sind. Beim Projekt in Bremen wird das System mit einem Datenhandschuh gesteuert, so dass man drahtlos Baupläne abrufen kann. Beim Arztkittel befinden sich Sensoren im Ärmel, die auf Armbewegungen reagieren. Über ein Datenarmband werden Informationen auf den Bildschirm neben dem Krankenbett übertragen. Neue Einträge in die Patientenakte während der Visite werden über ein automatisches Spracherkennungssystem aufgenommen. Allein bei den Dokumentationspflichten seien Zeitersparnisse von zwei Stunden möglich, da die tägliche Nachbereitung wegfalle, so Michael Lawo vom Technologiezentrum in Bremen.

„Die sprachgesteuerte Pflegedokumentation bringt schon jetzt einen nachvollziehbaren Fortschritt im Hinblick auf Vereinfachung, Zeitersparnis und Erhöhung der Zuverlässigkeit in der Dokumentation. So ist eine Nachtschwester für viele Bereiche und Patienten zuständig und kann nicht alle Akten ständig bei sich tragen. Die Spracherfassung über das mobile Telefon verbessert eindeutig die Arbeit des medizinischen Personals", so die Praxiserfahrung von Andreas Latzel, Deutschlandchef des ITK-Unternehmen Aastra in Berlin. Auch die Universitätsklinik Tübingen, die mit der Spracherkennung von Nuance arbeitet, bestätigt die Vorteile des Systems. Die Spracherkennung verringere nicht nur den Aufwand für Schreibdienste, sondern erhöhe auch die Verfügbarkeit von Berichten: „Wir haben ein Online-System, bei dem die vorläufigen radiologischen Befunde allen Ärzten mit Zugriffsberechtigung innerhalb einer Viertelstunde zur Verfügung stehen. Mit diesen Befunden kann auf der Station oder im OP sofort gearbeitet werden", erläutert Hubert Petrich, IT Manager der Universitätsklinik.

In Kombination mit dem Minicomputer als ständigen Begleiter werde die Sprachsteuerung erst voll zur Wirkung kommen, so die Überzeugung von Bernhard Steimel, Sprecher des Fachkongresses Voice Days plus in Nürnberg. „Erst dann kann man von einem elektronischen Assistenten sprechen, der meinen Alltag erleichtert, mich vor der Informationsüberflutung bewahrt und sich auf meine Bedürfnisse einstellt", sagt Steimel. Nach Prognosen des Grazer Informatikprofessors und Science Fiction-Autors Hermann Maurer werden Computer in Zukunft generell „wearable" in Form von Retinaldisplays, wobei in die Brille auch Mikrofon, Kamera, Stereoton und GPS-System integriert sind. Weitere Sensoren ermitteln die Kopfposition des Brillenträgers, inklusive Blickrichtung und Kopfneigung, so dass der PC stets weiß, wohin der Benutzer gerade sieht. Der „Brillen PC" kombiniert Mobiltelefon, Fotoapparat sowie Videokamera und ist ständig mit dem Internet verbunden. Die Eingabe von Informationen über Tastatur und Mausklicks wird ersetzt durch Sprach- und Gestenerkennung. „Beim wearable computing geht es weniger darum, medienwirksame Cyborg-Phantasien oder Jacken mit eingebautem MP3-Player zu realisieren, sondern langfristig dem Menschen in persönlicher Weise zu dienen: Seinen Gesundheitszustand zu überwachen, seine Sinne zu schärfen und ihn mit Informationen zu versorgen", resümiert Professor Mattern.

Siehe auch:
Der Geist in der Maschine: Über digitale Assistenzsysteme.

Wie wir mit dem Internet der Dinge unsere Wirtschaft umkrempeln und die Exportwirtschaft stützen.

Google-Internet Evangelist Vint Cerf: Internet der nächsten Generation wird mobil und intelligent.

 

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Kommentare

  • Sprach- und Gestenerkennung halte ich für zukunftsfähig. Man darf das ja nicht nur auf die doofen Systeme der Call Center reduzieren.

    Erstellt von Rainer, 20/07/2009 3:48pm (vor 4 Jahre)

  • Da scheinen ja neue Herausforderungen auf die Mobilfunknetze zuzukommen. Nachdem die Smartphones, allen voran das iPhone, schon heute eine gehörige Netzlast erzeugen, weil sie „Always On“ sind, wäre es interessant zu erfahren was die intelligente Kleidung an Daten überträgt. Der Ansatz der Datenübertragung vom Krankenbett auf den benachbarten Bildschirm lässt sich bestimmt gut übertragen auf die häusliche Krankenpflege oder sogar auf eine mobile Patientenüberwachung. Neben Netzverfügbarkeit werden da auch Fragen zur sicheren Datenübertragung aufkommen. Sicherheit in zweierlei Hinsicht: Das sichere, zeitnahe „Ankommen“ der Daten im Kontrollzentrum und der Schutz der Daten vor Datenklau, ein insbesondere bei Patientendaten sensibles Thema.

    Erstellt von Dirk Zetzsche, 20/07/2009 3:46pm (vor 4 Jahre)

  • Unglaublich, wo Spracherkennung Einsatz findet. Spannend.

    Erstellt von Helena, 17/07/2009 8:13am (vor 4 Jahre)

  • Die Forschungsarbeiten in Bremen sind wirklich interessant. Mal sehen, wann das alles marktfähig wird. Bin gespannt.

    Erstellt von Axel, 17/07/2009 12:11am (vor 4 Jahre)

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