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Medien/Internet

Ich sag mal-Blog zu: Wie man im FAZ-Feuilleton die Echtzeit-Kommunikation bekämpft: Der tägliche Ausnahmezustand des digitalen Lebens und die Jammerlappen-Psychose

Von Gunnar Sohn veröffentlicht am 21/06/2010 - Keine Kommentare

Es war einmal ein kleiner Angsthase. Der hatte Angst vor Hunden, Gespenstern und großen Jungen. Deshalb spielte er lieber mit dem ganz kleinen Ulli. Mein Gott (als Atheist darf ich so eine Formulierung eigentlich nicht wählen), jetzt wird das Web-Zeitalter sogar schon in psychopathologischen Dimensionen gesehen - zumindest im FAZ-Feuilleton. In der Fortsetzungsgeschichte der Internet-Weltuntergangsthesen kommt heute Geert Lovink zu Wort. Er ist Gründungsdirektor des Institute of Network Cultures in Amsterdam.

Lovink kommt zu dem Befund, dass nicht die Technologie das Problem sei, sondern die Kombination von Informationsstress und Konkurrenzdruck. Neben den üblichen Thesen zur Informationsüberflutung präsentiert Lovink ein wüstes Theorien-Kaleidoskop von der Psychoanalyse bis zur Medientheorie von Marshall McLuhan. Auch das Schreckgespenst „Neoliberalismus" darf nicht fehlen. So sprach Lovink in Bologna mit dem italienischen Medientheoretiker Franco „Bifo" Berardi.

„Der Sechzigjährige, der an einer Mailänder Kunstakademie unterrichtet, hat einen scharfen Blick für die ‚prekären‘ Arbeitsverhältnisse von heute. Überlastung, Kurzarbeit, Antidepressiva, Blackberrys und Kreditkartenschulden werden zunehmend Thema theoretischer Debatten. Berardis Arbeiten liegen seit kurzem auf Englisch, aber noch nicht auf Deutsch vor. In ‚The Soul of Work‘ (2009) beschreibt er die Entwicklung der letzten dreißig, vierzig Jahre - von Entfremdung zu Autonomie, von Repression zu hyperaktiver Selbstdarstellung, von den Hoffnungen und Wünschen eines schizophrenen Aktivismus zur diffusen, wenn nicht depressiven Subjektivität der Generation Web 2.0."
Wer überleben wolle, muss konkurrenzfähig sein, und wer konkurrenzfähig sein will, muss vernetzt sein, eine riesige und ständig wachsende Datenflut aufnehmen und verarbeiten. Das führe zu permanentem Aufmerksamkeitsstress, für Affektivität bleibt immer weniger Zeit.

„Um fit zu bleiben, greifen die Leute zu Prozac, Viagra, Kokain, Ritalin und anderen Drogen. Wenn wir diese Analyse auf das Internet übertragen, sehen wir die beiden Bewegungen - die Erweiterung der Speicherkapazität und die Verdichtung von Zeit -, die Computerarbeit so stressig machen. Daraus resultiert das Chaos unserer Zeit. Chaos ist, wenn sich die Welt so schnell dreht, dass wir nicht mehr hinterherkommen", so das Glaubensbekenntnis von Lovink. Wir lebten, sagt Berardi, nicht einfach in einer „Aufmerksamkeitsökonomie", die auf freier Wahl beruht. Als wären das Mitmachen bei Facebook und Twitter und das permanente digitale Erreichbarsein eine Sache der freien Wahl. Was wirklich krank mache, ist nicht die Informationsüberflutung, sondern der neoliberale Druck mit seinen unmöglichen Arbeitsbedingungen.

„Eine ‚Lösung‘ für Besserverdienende und ethisch Gleichgültige könnte so aussehen, dass man sein Informationsmanagement an einen persönlichen Assistenten in China delegiert", meint Lovink, der von digitalen Assistenten, die mein Büroleben vereinfachen, wohl noch nie etwas gehört hat. Wenn wir Souveränität erlangen wollen, müssten wir nach Auffassung von Lovink unbedingt Herren unserer Zeit werden. Nach „Fair Trade" könnte sich eine Bewegung „Fair Time" herausbilden. „Vor allem müssten wir die ‚Echtzeit‘-Strategien von Google und Twitter bekämpfen und längere Arbeitssequenzen entwickeln", fordert Lovink und plädiert für Slow Communication. Allerdings nicht nur als reformistische Lifestyle-Bewegung. Es reiche nicht, das „Filterproblem" (Clay Shirky) zu reparieren. Zeit verweise auf den Kern der kapitalistischen Ausbeutung. „Zeitmanagement" zu sabotieren sei alles andere als harmlos.

Irgendwie erinnert mich diese digitale Jammerlappen-Psychose an die Kulturpessimisten Oswald Sprengler und Carl Schmitt, die ihr Buddelkasten-Leben als täglichen Ausnahmezustand werteten. Hier geht es zum kompletten Beitrag. 

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