Oligarchie, Schwarmintelligenz, Weisheit der Vielen, Kooperation, Soziales Netzwerk, Enzyklopädie, Wikipedia
Internet/Soziale Netzwerke
Von pressetext/NeueNachricht veröffentlicht am 25/08/2009 - 7 Kommentar(e)
San Francisco/Berlin/Nürnberg - Die englischsprachige Version der Online-Enzyklopädie Wikipedia führt nach einem Bericht der Nachrichtenagentur pressetext redaktionelle Kontrollen ein - so genannte „Flagged Revisions". In Zukunft sollen Artikel zu lebenden Personen für die Nutzer nur noch eingeschränkt editierbar sein. Wie offizielle Vertreter der Wikimedia Foundation in San Francisco verlauten ließen, werden die Beiträge bzw. Änderungen in diesem Bereich künftig zunächst von "erfahrenen freiwilligen Redakteuren" gegengelesen, bevor sie endgültig online gehen. Der Schritt erfolgt angesichts dessen, dass Teile der Wikipedia-Führung aufgrund der wachsenden Bedeutung der Online-Enzyklopädie danach trachten, der Seite noch mehr Seriosität zu verleihen und zuverlässige Informationen zu liefern.
In der deutschsprachigen Version sind solche Vorab-Sichtungen bereits Realität: „Schon seit längerem werden auf der deutschen Seite alle Änderungen an Beiträgen zunächst von Wikipedianern geprüft, bevor sie für die Allgemeinheit sichtbar werden", so Kolja Kreß von Wikimedia Deutschland auf Nachfrage von pressetext. Eine spezielle Diskussion um Personen-Artikel gebe es jedoch nicht. „Wir haben auch keine festgelegten Standards", so Kreß weiter. Allerdings komme es in Einzelfällen immer wieder vor, dass bei Artikeln über lebende Personen Details geändert oder einzelne Informationen herausgenommen würden. „Wenn jemand beispielsweise die Namen seiner Kinder nicht öffentlich verbreiten will, dann wird so etwas herausgenommen. Anders ist es aber mit kritischen Informationen, diese bleiben natürlich in den Artikeln, auch wenn sich jemand darüber beschwert", erläutert Kreß.
Die Begründung der Wikipedia-Verantwortlichen für den Paradigmenwechsel ist nach Auffassung des Kommunikationsexperten Bernhard Steimel, Sprecher der Nürnberger Voice Days plus unzureichend. „Von einer Weisheit der Vielen kann nun nicht mehr gesprochen werden. Wikipedia verabschiedet sich von den Prinzipien der sozialen Netzwerke. Von den sympathischen libertären Wurzeln der Web-Enzyklopädie bleibt nicht mehr viel übrig", kritisiert Steimel. Wer gegen Expertokratie und institutionelle Machtstrukturen ankämpfe, könne nicht selbst eine Politik des „closed shop". Etiketten wie Schwarmintelligenz oder Graswurzeldemokratie würden die wahren Strukturen des Netzwerkes verfälschen.
Zu einem ähnlichen Befund kommt der Soziologe Christian Stegbauer in seiner Abhandlung „Wikipedia - Das Rätsel der Kooperation". Von einem freien Zugang könne keine Rede mehr sein. Schon jetzt habe eine kleine Gruppe besonders motivierter und leistungsstarker Mitarbeiter die Führung übernommen. Sie trägt nicht nur die Hauptlast der Lexikoneinträge, sondern bestimmt auch den Kurs des Lexikons - mit der Tendenz, sich nach unten und gegenüber Neuankömmlingen abzuschließen. Wer in die Zirkel eindringen wolle, habe mit Widerstand zu rechnen. „Von der ‚Goldgrube für freies Wissen' bleiben die Probleme mit ‚schwierigen Personen', die dem Projekt nur schaden und daher auch nicht mehr willkommen sind. Dies widerspricht der deklarierten Freiheitsideologie von Wikipedia ‚jeder kann teilnehmen", so Stegbauer.
Statt „ermündende Diskussionen" mit kritischen Geistern zu führen, entscheide wohl eine Oligarchie-Clique, was reinkommen dürfe oder nicht, bemängelt Steimel: „Mit dieser Geisteshaltung hätte ein politischer Querkopf wie Joschka Fischer im Bundestag nie Karriere machen können. Demokratische Meinungsbildungsprozesse sind nun mal anstrengend und sollten nicht von einer höchst aktiven Minderheit wegrasiert werden". Aus einem offenen Netzwerk werde eine Zwei-Klassen-Gesellschaft, resümiert pressetext.
Siehe auch:
Wikipedia ist keine Demokratie der Geistreichen, Wikipedia ist die Diktatur der Zeitreichen.
Diderot statt Wikipedia - Internet-Enzyklopädie als Medium des Okkultismus.
Der Artikel gibt die "flagged revisions" verfälscht wieder. Die Änderungen sind weiter sofort online und für die Allgemeinheit sichtbar, man muss nur einen Klick mehr auf den Reiter "Entwurf" tätigen.
Posted by sank, 27/08/2009 1:06am (vor 1 Jahr)
es gibt auch Alternativen zu Wikipedia
Seit Mai 2009 gibt es beispielsweise ds veikkos-archiv. In dem Archiv werden über 90.000 alte Siegel- und Reklamemarken eingestellt. So weit möglich sind die Marken den damaligen über 77.000 Städten und Gemeinden zugeordnet. Einige grob vorsortierte Kataloge und ein Künstlerlexikon ergänzen das Archiv.
Die Menschen werden aufgerufen das Archiv mit Ihrem Wissen zu ergänzen. Zum Beispiel können Sie die Geschichte der über 30.000 Firmen und Verlage recherchieren, eigene Kataloge erstellen oder auch Marken den entsprechenden Künstlern zuordnen. Nette Sache!
Posted by gsohn, 26/08/2009 3:49pm (vor 1 Jahr)
So lange es sich um Themen handelt, die eher lexikalischen Charakter haben (etwa die Redoxreihe der Chemie, da kann selbst ein Wikipedia-Oligarch nichts dazu dichten), ist das unproblematisch. Bei lebenden Personen, aktuellen politischen Themen u.a. wird das Ganze fragwürdig und anmaßend. Da müssen die Wikipedia-Macher die Hosen runter lassen.
Posted by gsohn, 25/08/2009 7:39pm (vor 1 Jahr)
Es ist fast unmöglich, falsche Darstellungen bei Personenartikel raus zu bekommen. Alles ziemlich fragwürdig.
Posted by Miliana, 25/08/2009 5:46pm (vor 1 Jahr)
Autorennamen sollten auf jeden Fall genannt werden, wenn die schon den Auskehrer spielen, will man auch wissen, wer welchen Mist auf Wikipedia verzapft.
Posted by Georgie, 25/08/2009 4:02pm (vor 1 Jahr)
@Joe der Vergleich mit dem Jakobinertum ist nicht von der Hand zu weisen. Auf diese Gefahr hatte vor einigen Jahren ein Experte im Interview mit NeueNachricht hingewiesen: „Es waren schon oft Minderheiten, die den Lauf der Welt verändert haben. Dies trifft zwar nicht auf den typischen Kleintierzüchterverband zu, aber die Anfänge des Dritten Reichs beruhten auf einer sehr aktiven und kommunikativ überlegenen Minderheit. Die Parallele, die man jetzt mit dem Internet erkennen mag, liegt natürlich nicht in der Dritten-Reich-Ideologie, sondern darin, dass das Internet es erstmals allen ‚Spinnern’ dieser Welt ermöglicht, sich kommunikativ zu vereinigen. Dadurch gewinnt eine solche Minderheit die kritische kommunikative Masse und kann tatsächlich einen weit überdurchschnittlichen Einfluss in der Meinungsbildung gewinnen“, meint Michael Sander von der Lindauer Unternehmensberatung Terra Consulting Partner (TCP) http://www.terraconsult.de.
Erhellend in diesem Zusammenhang ist das neue Buch von Ulrike Ackermann, Eros der Freiheit, erschienen im Klett-Cotta-Verlag. Im Kapitel zur französischen Revolution steht: "Angetreten waren die Revolutionäre für Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit. Sie waren überzeugt davon, dass Geschichte nicht einfach ein Schicksal ist, dem sich die Menschen zu ergeben haben, sondern dass sie sie selbst in die Hand nehmen und nach eigenem Willen gestalten können. Sie köpften den König, um den Staat und die Monarchie zu entmachten, damit die Bürger freier und unabhängiger würden. Doch statt dessen schufen sie einen neuen Staat, der weitaus mächtiger und zentralisierter war als jener des Ancien Régime. Er setzte sich in eins mit der Nation und beanspruchte, das Subjekt zu sein, die Citoyens sollten seine Prädikate sein. Nach dem Sieg der Revolutionäre lagen das Recht und die Macht nicht in den Händen der Bürger, sondern in den neu geschaffenen Institutionen, die die Jakobiner kontrollierten. Im Namen bürgerlicher Prinzipien wurde der Bürger von verachtet." Heraus kam ein Terror der Tugend. Die Wikipedia-Oligarchen treten jetzt wohl an als Hüter der Wahrheit. Im Namen der Weisheit der Vielen, wird die Weiheit der Vielen begraben. Oder anders ausgedrückt. Wikipedia ist keine Demokratie der Geistreichen, Wikipedia ist die Diktatur der Zeitreichen. Wenn das nur noch eine kleine Kaste ist, sollten sie unter jedem Artikel auch kennzeichnen, wer der Autor ist. Ansonsten kann man keine vernünftige Quellenkritik betreiben und prüfen, welche Interessen hinter den Einträgen stecken. Siehe dazu auch die Expertenmeinung des Chefs des Beratungshauses Harvey Nash: „Die legendäre Encyclopédie von Denis Diderot hingegen war ein Projekt der Aufklärung. Sapere aude, so der Leitspruch, habe Mut dich deines eigenen Verstandes zu bedienen. Und der Verstand legt es doch nahe, dass ein Medium wie Wikipedia nicht im Mittelpunkt von Informationsrecherchen stehen sollte. Eine öffentliche Disputation wie mit den Encyclopédie-Autoren des 18. Jahrhunderts ist mit der anonymen Wikipedia-Gemeinde überhaupt nicht möglich“, kritisiert Udo Nadolski, Geschäftsführer des Düsseldorfer IT-Beratungsunternehmens Harvey Nash http://www.harveynash.de.
Posted by gsohn, 25/08/2009 3:50pm (vor 1 Jahr)
Ähnlich wie die Wikipedia-Schreiberlinge haben die Jakobiner nach der Französischen Revolution argumentiert!
Posted by Joe , 25/08/2009 1:53pm (vor 1 Jahr)
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