VWL, Wirtschaftspolitik, Wirtschaftsforschungsinstitute, Konjunkturprognosen, Ökonometriker, Mathematik, Statistik, Wirtschaftskrise, Methodenstreit
Wirtschaft/Politik/Wissenschaft
Von Professor Wolfgang Kasper, Professor emeritus University of New South Wales Australien veröffentlicht am 10/08/2009 - 6 Kommentar(e)
Bonn/Berlin - Hier möchte ich zwei Fragen erörtern: Warum ist der komparativ-statische, neoklassisch-mathematische Denkansatz in der Nationalökonomie so dominant geworden? (Was könnte und sollte man tun, um einer offenen, dynamischen, freiheitsorientierten Nationalökonomie mehr Gehör zu verschaffen?
Es verwundert nicht nur Adepten der Ordnungspolitik und der österreichischen Schule, sondern auch Wirtschaftspraktiker, Juristen und Wirtschaftshistoriker, wie jemand annehmen kann,
• es gebe ‚perfektes Wissen';
• Nutzen- und Profitmaximierung seien des homunculus oeconomicus' einzige Motivation,
• man könne von Transaktionskosten abstrahieren, wo doch heutzutage mehr als 50 Prozent aller Kosten der Erstellung und Verteilung des Volkseinkommens genau aus ebensolchen Transaktionskosten bestehen, und
• es seien alle Entscheidungsträger -- sogar die politischen Eliten -- transparente, stete Gutmenschen, die ihren Auftraggebern selbstlos dienen!
So abstrus diese Annahmen auch sind, die Neoklassiker arbeiten mehr oder weniger implizit mit ihnen!
Die Gründe hierfür sind offenkundig:
• Mit solchen ‚vereinfachenden' Annahmen lassen sich leicht Modelle bauen. Man verschafft sich genügend viele Variable wie man Gleichungen hat, um Modelllösungen abzuleiten und ästhetisch ansprechende Resultate und Detaillösungen zu produzieren. Es scheint einfach zu verlockend, mit Modellen Wissen vorzutäuschen, über das in Wirklichkeit niemand verfügen kann. Das befriedigt viele Beobachter mehr als die konfuse, evolutorische Vielfalt der Realität, die die österreichisch-institutionelle Schule im Griff zu behalten versucht. Mit einem geschlossenen, komparativ-statischen Modell kann man den Laien leicht Wissenschaftlichkeit und Politikern zum Handeln einladende Gewissheit vorgaukeln (scientism).
• Mit Mathematik und irgendwelchen, unkritisch hingenommenen statistischen Schätzungen kann man auch leicht publizieren und promovieren. Und wo die Daten nicht ausreichen, da müssen eben ‚dummy variables' und andere ökonometrische Tricks herhalten. Ich weiß aus eigener Erfahrung, wie ungern man einmal mühsam erlerntes ökonometrisches Wissenskapital ersatzlos abschreibt, auch wenn man merkt, dass die mathematische Ausdrucksweise ein armseliges, künstliches Esperanto darstellt, das für die wirtschaftspolitische Beratung bei weitem nicht das gleiche leisten kann wie das ordnungspolitische Idiom.
• Als lang gedienter Universitätslehrer und Institutsleiter weiß ich auch, dass Neoklassik leicht zu unterrichten ist. So kann man etwa mit dem Marshall'schen ‚ceteris paribus Kreuz' von Angebot und Nachfrage oder dem makroökonomischen IS-LM Gleichgewicht ohne viel Anstrengung Vorlesungsstunden füllen und erspart den Studenten die Begegnung mit der viel komplexeren Realität, mit Wissen aus Soziologie, Geschichte, Psychologie, Institutionen, Unternehmertum usw. Studenten ohne Lebenserfahrung finden die neoklassische Abstraktion zumeist befriedigend. Für das Examen reicht dies aus. Die meisten merken überhaupt nicht, dass sie um aufregende und anregende Wertediskussionen - etwa Freiheit versus Effizienz, oder Sicherheit versus Gerechtigkeit - betrogen werden. Erst später, wenn sie ihr Universitätswissen mit der Wirklichkeit konfrontieren, bemerken sie enttäuscht, daß die neoklassischen Modelle unrealistische, fazile Abstraktionen sind.
• In einem Land wie Deutschland, wo praktisch alle Schul- und Universitätsvolkswirtschaftslehre in verstaatlichten Betrieben gelehrt und die Forschung überwiegend für Staatskunden produziert wird, trifft skeptisches Wertehinterfragen auf wenig Nachfrage. Der regelgebundene Minimalstaat ist weder in Berlin noch Brüssel, noch bei der UN, dem IWF oder der Weltbank gefragt. Es ist vom Standpunkt des Karrierepolitikers und des Bürokraten durchaus rational zu verhindern, dass Lehrstühle mit hayekianischen Skeptikern besetzt werden, die politischen und bürokratischen Agentenopportunismus anprangern. Warum Gutachten bei Beobachtern bestellen, die politischen und bürokratischen Opportunismus bloßstellen? Aus der Sicht der politischen Eliten ist es ein Vorteil des neoklassichen ceteris paribus Ansatzes, dass er zu interventionistischem Handeln ermuntert. Die negativen Nebeneffekte treten ja zumeist erst zu einem Zeitpunkt ein, der jenseits des üblichen politischen Horizonts liegt! Auch erhalten ‘Experten' öffentliche Aufmerksamkeit, wenn sie politische Machbarkeit und spezifische Lösungen anbieten, während die Ordnungspolitiker immer nur darauf verweisen, daß gewisse Regeln durchgesetzt und verbessert werden sollten.
So kommt es, dass eine Generation von ökonomischen Dünnbrettbohrern herangezogen wurde und sich dann in Ministerien, Universitäten, Forschungsinstituten und den Medien perpetuiert. So entstehen Seilschaften, die die ordnungspolitische Kritik - und die langfristigen Interessen der Bürgerschaft - verdrängen. So kommt es auch, dass der Umverteilungsstaat unkritisch akzeptiert wird: Konfiskation und Wohlfahrt für die Armen, schwache Industrien, verantwortungslose Banken. In der neoklassich beratenen Gutmenschen-Demokratie ist die Liste der Subventionsheischenden schier endlos und das Subventionieren allzu oft unwidersprochen!
So kommt es, dass die Regierenden bindende Regeln wie die Maastrichter Konditionen und die blauen Briefe aus Brüssel von den meisten europäischen Regierungen mit non-chalantem Hohn missachtet werden. Hatte man in Maastricht ein dunkleres Blau für Großschuldner wie derzeit Spanien vorgesehen? Und was hat diese Regellosigkeit für die Zukunft des Einheits-Euro zu bedeuten?
So kommt es zudem, dass Lehrbücher nicht von wirtschaftlicher Freiheit, Unternehmermotivation, Profit und wirklichem Wettbewerb sprechen. Institutionen (Koordinationsregeln) werden übersehen, so wichtig diese für das langfristige wirtschaftliche Wohlergehen auch sind.
So kommt es schließlich, dass die (neoklassiche) Nationalökonomie aus den Lehrplänen der Ingenieurschulen, der Rechtsfakultäten und der Business Schools verschwinden -- zurecht, denn eine Volkswirtschaftslehre, die mit ‚perfektem Wissen' arbeitet, hat keinen Platz für technisches Experimentieren, für Streitfälle klärende Juristen und Unternehmer, die mit dem Risiko ringen.
Gerade in diesen Randgebieten - und nicht in den Hochburgen der Wirtschafttheorie - ist aber jetzt in USA und Fernost die österreichisch inspirierte Institutionenökonomik stark im Kommen. Ich finde die beste und interessanteste Kritik am engen neoklassischen Ansatz heutzutage unter den jungen Wissenschaftlern, die mit public choice und institutional economics von solchen Randpositionen und unabhängigen Denkfabriken den Konsensus der neoklassischen Orthodoxie in der angelsächsischen Welt auf's Korn nehmen. Es verwundert mich nicht, daß die Institutionenökonomik vielerorts jetzt im Kommen ist, denn sie betont die entscheidende Rolle des Wissens und der Wissensevolution - im Gegensatz zum statischen Gleichgewicht der Neoklassik. Sie betont das wirtschaftliche Handeln anstatt irgendeines gleichgewichtigen Ruhezustands.
Der neoklassiche Ansatz leitet sich ab von einer Welt der weitgehend statischen Landwirtschaft oder bestenfalls der Großindustrie des 19. Jahrhunderts, in der zum Beispiel Produktionsfunktionen für Massengüter einen Sinn machten. Heutzutage besteht aber das Nationalprodukt aus vielfältigen, dauernd wechselnden Dienstleistungen; Kaufhäuser führen Sortimente von 100 000 verschiedenen Waren, die just in time gelagert und gehandelt werden; und Banken, Logistikberater oder Architekten produzieren dank komplexen Wissens nach Maß. Welchen Sinn macht da noch eine statische Produktionsfunktion oder ein Grenzkostenkalkül, das von großen Durchschnitten abgeleitet ist?
Gleichwohl dominiert aus den genannten Gründen im Moment immer noch die neoklassische Orthodoxie und ein auf angemaßtem Wissen basierender wirtschaftpolitischer Interventionismus. Das Endresultat ist, erstens - wie mein Freund, der ehemalige neuseeländische Finanzminister Roger Douglas einmal taktlos-prägnant formulierte: "The bleeding hearts do no bloody good at all!" Gemeint ist, Wohlfahrtsinterventionismus schafft nur Unzufriedenheit und Desillusion. Zweitens darf ich - stilvoller - meinen Doktorvater, Herbert Giersch, zitieren: Es ensteht „die Sklerose der überregulierten Wirtschaft". Die Konsequenz ist der Verlust von Wettbewerbsfähigkeit und Wirtschaftswachstum. Das wußten und wissen liberale Politiker wie Ludwig Erhard oder die Reformer in den angelsächsischen Ländern und Fernost, die auf gute Spielregeln setzen und sich nicht auf neoklassische Berater verlassen.
Sollen wir ob der Lage im durchgängig sozialdemokratischen Europa die Flinte ins Korn werfen? Ich bin mir der Antwort für Europa nicht sicher, arbeite ich doch seit einem halben Menschenleben in Ostasien und Australien, wo ich eine enorm encouragierende Reform- und Innovationswelle miterleben kann. Falls aber das alte Europa im globalen Wetbewerb mithalten will, dann wird es notwendig sein, gegen die falschen Gewissheiten der Neoklassik anzugehen und die ordnungspolitischen Denkansätze zu erneuern und zu modernisieren.
Was tun?
• Erstens sollten Hayekianer lautstark, immer wieder und ohne falsche Demut auf die abstrusen Annahmen der neoklassichen Ökonomie und Ökonometrie hinweisen. Die Kritik am falschen epistomologischen Ansatz der Neoklassik ist vielerorts inzwischen laut und intelligent. Ich empfehle als Einführung den Artikel des spanischen Liberalen Jesus Huerta de Soto: „The Ongoing Methodenstreit of the Austrian School" (Journal des Économistes et des Études Humaines, Band 8:1 (März) 1998; S. 75-113). Private Akademien und Think Tanks -- wie etwa Cato in Washington, das Institute of Economic Affairs in London oder das Institute of Public Affairs in Melbourne (letzteres übrigens der Welt ältester liberal-ordnungspolitischer Think Tank) -- scheinen freilich in Deutschland bislang weniger einflussreich, was beim Staatsmäzenaten -Monopol auch nicht weiter verwundert.
• Zweitens scheint mir gerade jetzt der Mut zur Vorhersage erforderlich. Das wirtschaftspolitische Meinungspendel hat jetzt extrem in die keynesianisch-kollektivistische Richtung ausgeschlagen, so dass man mit ziemlicher Zuversicht gewisse generellen Vorhersagen wagen kann: Was werden die Folgen sein, wenn Kapitalmärkte zu Tode reguliert werden, wenn neue Stimulierpakete vom Publikum nur noch als Ankündigungen von späteren Steuererhöhungen verstanden werden und wenn vertraute Wertvostellungen verworfen werden? Ich meine, wir können angesichts der ungestümen Angriffe auf ordnungspolitische Weisheiten jetzt schon von der Möglichkeit einer „Rezession in der Depression" sprechen, wie sie in den dreißiger Jahren Beobachter wie Roosevelt's Schatzamtsminister Henry Morgenthau zur Verzweiflung trieb. Wer die derzeitige interventionistische Wirtschaftspolitik aus liberaler Position anprangert, der wird 2015 hoch im Kurs stehen!
• Drittens tut es m.E. in der fernwestlichen Halbinsel Europa Not, darauf hinzuweisen, dass Ostasien die internationale Konkurrenz verschärfen wird. Dort werden neue Denk- und Politikmodelle entwickelt, die sehr auf Wissenserwerb und Wettbewerb abstellen. Westliche, zumal europäische, Denkweisen müssen renoviert werden, wenn Europa nicht den Weg des klassischen Athen im Römischen Reich gehen soll und nicht eine amüsante, historische Oase und belächelte Spottnummer am Randes des Weltgeschehens werden will. Im neuen Ost-West-Wettbewerb der Ideen hilft es klassischen Liberalen m.E., dass Konfuzius und Laotse recht gut zu Hayek passen. Das Denken in China ist jetzt auf evolutorische Verbesserung und spontane Ordnung ausgerichtet -- und nicht auf utopische, statische Gleichgewichte wie im judäo-christlich-islamischen Westen. Hayek mit einem Schuß Schumpeter ist daher dort „in", seit Mao's Kollektivismus so spektakulär implodierte. Hayekianer sollten das Denken der chinesischen Konkurrenz verfolgen und in der internen wirtschaftspolitischen Diskussion hierzulande nutzen.
• Viertens und letztlich: Es gilt die Besseren in der jungen Volkswirtschaftlergeneration und junge Menschen in im VWL-Umfeld (etwa Jurisprudenz, Ingenieurwissenschaften, Philosophie), für die Stärken und Vorteile des wirtschaftlichen Freiheit zu begeistern. Sie fühlen, dass sie die Zeche für Rousseau und Marx, für Bismarck, Müller-Armack und Merkel bezahlen müssen, und sind schon deshalb für eine Philosophie der individuellen Freiheit zu gewinnen. Anstatt das eingeigelte, orthodoxe VWL-Establishment in seinen akademischen Hochburgen bekehren zu wollen, sollten Hayekianer das Umfeld erobern und abwarten, wie die Neoklassik in ihren alten Elfenbeintürmen verkümmert.
Die Kritik an der Neoklassik und ihren unrealistischen Annahmen teile ich. Völlig absurd mutet m.E. dagegen die Forderung nach einer freien Marktwirtschaft i.S.d. der österreichischen Schule an. Letztere modelliert nicht mathematisch und kann somit auch auf bestimmte wirklichkeitsfremde Basisannahmen der Neoklassik verzichten. Sie hängt aber dem gleichen Weltbild des grundsätzlich gleichgewichtigen Marktes an und ignoriert die Rolle des Eigentums und seiner Verteilung.
Es ist aber interessant Marx und Müller-Armack in einem Atemzug zu nennen. In der Tat braucht es m.E. eine Art ordoliberalen Sozialismus, der wirtschaftliche Freiheit nicht nur rechtlich, sondern auch tatsächlich hervorbringt, indem er eine übermäßige Kapitalakkumulation, z.B. über Steuern, verhindert. Die Politik F.D. Roosevelts kann als positives Beispiel dienen.
Erstellt von Paul Schächterle, 19/04/2010 2:58pm (vor 2 Jahre)
Da habe ich Esperante Sprecher ja wohl unbeabsichtigt vor den Kopf gestosssen!!
Als Liguist und akademisch trainierter Uebersetzer weiss ich natuerlich, dass sich Esperanto seit den fruehen Anfaengen bereichert und entwickelt hat. Deswegen sprach ich auch von einem armseligen, künstlichen Esperanto". Und sobald es einen Shakespeare, Calderon oder Goethe gibt, der in Esperanto schreibt, bin ich sogar bereit, das Wort "Esperanto" durch das Wort "Volapuek" zu ersetzen......
Erstellt von Wolfgang Kasper, 12/08/2009 1:48am (vor 3 Jahre)
der Esperanto-Vergleich ist wohl schief, ansonsten spricht mir Kasper aus der Seele. Mit der Formelsprache hat es die VWL echt übertrieben.
Erstellt von Anne, 11/08/2009 10:50am (vor 3 Jahre)
Sehr geehrter Herr Professor Kasper,
"armseliges künstliches"Esperanto?
Dieser deplatzierte Vergleich muss reines Vorurteil sein, Sie haben offenbar keinerlei praktische Erfahrung mit Esperanto, das nun gut seit 120 Jahren gesprochen wird und inzwischen von einer der normierten Staatssprachen nicht mehr zu unterscheiden ist.
Ich spreche seit über 30 Jahren Esperanto. Unsere drei Kinder sind zweisprachig erzogen worden. Ich weiß also, wovon ich rede.
Erstellt von PD Dr. Dr. Rudolf-Josef Fischer, 11/08/2009 8:46am (vor 3 Jahre)
Mein VWL-Theorie-Prof. hatte von Mathe eine Menge Ahnung, war konvertiert. Beim Thema Wirtschaftspolitik hatte er keine Peilung. Kritik von Professor Kasper kann ich teilen und habe es am eigenen Leib zu spüren bekommen.
Erstellt von Sebastian, 10/08/2009 4:05pm (vor 3 Jahre)
Ich habe 5 Jahre als Mathematiker in einem VWL-Institut gearbeitet. Die Kritik von Wolfgang teile ich, mir erschien die Modellbauerei auch in vielen Punkten fragwürdig.
Den Vergleich mit Esperanto hingegen finde ich deplaziert. Hier wird die Internationale Sprache Esperanto herabgewürdigt. Esperanto ist keineswegs ein armseliges Idiom. Esperanto ist nicht grundlos das einzige Plansprachprojekt, das sich vom Schreibtisch des Autors gelöst hat und zu einer lebendigen Sprache mit umfangreicher Literatur und quirliger Musikszene entwickelt hat.
Erstellt von HoKeTo, 10/08/2009 12:45pm (vor 3 Jahre)
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