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Der Glühbirnen-Schwindel: Eine neue Verbotsdebatte wie bei Zensursula ist nicht in Sicht

Von Gunnar Sohn veröffentlicht am 04/08/2009 - 9 Kommentar(e)

 

Berlin/Brüssel - Der Countdown läuft: Ab dem 1. September tritt die erste Stufe des EU-Verbots für Glühlampen in Kraft. Alle mattierten Birnen sowie klare Glühlampen mit 100 Watt und mehr dürfen dann nicht mehr in den Verkehr gebracht werden. Läuft alles nach Plan, wird es ab 2012 zwischen Thessaloniki und Hammerfest keine leuchtende Birne mehr zu kaufen geben, jedenfalls nicht auf legalem Weg. Händler, die danach noch Glühlampen ordern, riskieren ein Bußgeld von 50 000 Euro. An den Grenzen Europas werden sich Zöllner auf die Jagd nach illegalen Importen machen. Glühlampen, die beispielsweise bei Online-Versendern in Asien oder Osteuropa bestellt und bei der Einfuhr abgefangen werden, sollen vernichtet oder an ausländische Interessenten versteigert werden. Aufregung, Aufschrei, Empörung, Petitionen oder eine neue Verbotsdebatte wie bei Zensursula? Still ruht der See. Es scheint wohl doch gute und schlechte Verbote zu geben. Dabei ist das Vorgehen beim Glühbirnen-Verbot ähnlich fragwürdig wie bei sonstigen Aktionen der Gutmenschen-Moralapostel. Sie sind ständig auf der Suche nach der „guten Sache", in deren Dienst sie treten können - und in deren Dienst sie die andere treten können: Glücksspiele, Flatrate-Partys, Mülltrennung, Hunde, Klimaschutz, Killerspiele oder Rauchen: Hier bietet sich eine gigantische Palette von Zurechtweisungs- und Erniedrigungsmöglichkeiten unter dem Horizont polizeilicher Verfolgungsphantasien: „Wenn Argumente fehlen, kommt meist ein Verbot heraus", so ein Aphorismus des Schriftstellers Oliver Hassencamp, der mit den Burg Schreckenstein-Geschichten bekannt wurde.

Abschaffen, verbieten, neu regeln. Von Eigenverantwortung wird zwar viel geredet, in Wirklichkeit aber lieber mit Verboten und Geboten regiert. Wenn der Bürger schon selbst nicht weiß, was für ihn gut ist, dann ist es mit Sicherheit die Politik. So lautet die Fanfare der Machtanmaßung. Und dabei schreckt auch vor Lügen nicht zurück.

Da lohnt die Lektüre des Juli-Heftes von brand eins. Vorgestellt wird der redliche, akribische und nüchterne Elektroingenieur Wolfgang Herter, der im Wilhelmshavener PZT-Labor die Energiesparlampen einem Stresstest unterzogen hat. Das Ergebnis ist desaströs: Wie schnell die Sparstrahler kaputtgehen, ahnt nicht einmal Experte Herter, als er am Morgen des 11. April 2008 seine Prüflinge erstmals unter Strom setzt. „Der erste gibt bereits nach 3300 Schaltzyklen auf. Nach 6000- bis 7000-mal An- und Ausschalten verabschiedet sich das Gros der Prüflinge. Selbst Markenlampen wie Osram Dulux Superstar halten im Schalttest nur 7200 bis 12 000 Zyklen durch, was einer Brenndauer von nur 120 bis 200 Stunden entspricht. Immerhin: Im Dauertest bringen es die beiden Osram-Prüflinge auf rund 7500 Stunden - allerdings sind auch dies 2500 Stunden weniger als auf der Packung angegeben", berichtet brand eins.

„Energiesparlampen - das Ende einer Erfolgsgeschichte" prangt auf dem Oktober-Titel von „Öko-Test", in dem das Magazin Herters niederschmetternde Testergebnisse präsentiert. Allen geprüften Energiesparlampen bescheinigen die Tester eine schlechte Lichtqualität. Außerdem erreichten die meisten längst nicht die Helligkeit der 60-Watt-Glühlampe, die sie ersetzen sollten, verbrauchten mehr Strom und gingen schneller kaputt als angegeben. Fazit: „Energiesparlampen sind kein wirklicher Fortschritt und keine Alternative zu Glühlampen."

Für die Industrie geht es allerdings um ein gigantisches Geschäft. So müssen in der EU rund 3,5 Milliarden Glühlampen ausgetauscht werden. Um den klimapolitischen Wahrheitsgehalt braucht man sich da nicht zu kümmern. „Dabei geht es in diesem Kampf längst nicht mehr nur ums Umschalten von einem Leuchtmittel zum anderen. Es geht auch um Freiheit und eine Frage, die im Zeitalter des Klimawandels immer öfter gestellt wird: Wie weit dürfen Klimaschützer ins Privatleben eingreifen? Kann eine Regierung ihren Bürgern im Umweltinteresse vorschreiben, wie sie ihre Schlafzimmer zu beleuchten haben? Und bringt das überhaupt etwas? All diese Fragen sind nicht leicht zu beantworten. Und so ist der Streit um Glüh- versus Energiesparlampe vor allem ein Lehrstück darüber, wie eine ursprünglich einleuchtende Idee ziemlich dunkle Konsequenzen haben kann", resümiert brand eins.

Zudem hat der Effekt von Energiesparlampen schon bei der Einführung der Glühbirne nicht geklappt. Vor rund hundert Jahren wurde die Glühbirne mit Wolframfäden als Wunder der Effizienz gefeiert. Die neuen Glühbirnen verbrauchten nur ein Viertel so viel Strom für dieselbe Leuchtkraft wie die alten Birnen mit Kohlenstoff-Fäden. Zwischen 1920 und 2000 stieg die Effizienz der Straßenlaternen um das Zwanzigfache - von 10 auf 200 Lumen pro Watt. Die Beleuchtungsdichte (Lumen pro Straßenkilometer) nahm aber um mehr als das Vierhundertfache zu. Pro Kilometer Straße wird heute zwanzigmal mehr Strom verbraucht. So etwas nennt man Rebound- oder Backfire-Effekt - beschrieben im Buch von Marcel Hänggi: Wir Schwätzer im Treibhaus. Sparsamere Lampen erzeugen billigeres Licht; was weniger kostet, wird mehr nachgefragt. Oder man sagt: „Ich habe ja eine Energiesparlampe - also kann ich sie länger brennen lassen". Das wäre ein direkter Rebound-Effekt. Der indirekte Rebound. Der Energieverbrauch sinkt tatsächlich - ich spare Geld. Aber dieses Geld gebe ich wieder für etwas anderes aus, das ebenfalls Energie verbraucht. Wer dank besserer Isolation seines Hauses tausend Euro im Jahr für Heizöl spar, fliegt mit dem gesparten Geld vielleicht einmal mehr in die Ferien. Oder: Was ich an Energie spare, was also zu sinkender Nachfrage und sinkenden Preisen führt, verbraucht ein anderer.

Die ökologische Wirkung des Glühbirnen-Verbots bezweifelt auch Andreas Löschel vom Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung. „Durch das Glühlampenverbot wird in Europa keine Tonne Kohlendioxid eingespart werden. Wir haben in Europa ein sehr gutes Instrument, den Emissionsrechtehandel, der eine Obergrenze für die Emissionen mit Kohlendioxid festlegt. Wenn nun durch das Glühlampenverbot weniger Strom nachgefragt wird, führt das dazu, dass die Stromerzeuger weniger von diesen Verschmutzungsrechten benötigen, genau diese werden aber andere Branchen aufgreifen und in der Summe bleiben die Emissionen an CO2 die gleichen. Die beiden Instrumente zusammen, Glühlampenverbot oder andere technische Maßnahmen und der Emissionsrechtehandel funktionieren nicht. Ökologisch ist das Glühlampenverbot vollkommen wirkungslos."

Der FDP-Europapolitiker Holger Krahmer spricht sogar von einem Glühlampen-Sozialismus. Er habe das Gefühl, dass die Industrie das Produktverbot auch deshalb begrüßt, weil sie an den klassischen Lampen, die seit 100 Jahren auf dem Markt sind, nichts mehr verdient und sehr gerne die Energiesparlampen nach vorne drücken will, weil da die Margen höher sind. Am Ende belastet das den Verbraucher. Ungeachtet der massiven Einwände spricht die EU-Kommission dennoch von der „bisher sichtbarsten ökologischen Maßnahme".

Anmerkung: Schleichen Sie sich bis zum 1. September in die Baumärkte, am besten aufgeteilt in verschiedene Gruppen und kaufen Glühbirnen, was das Zeug hält. Aber aufpassen! Vielleicht laufen ja schon verdeckte EU-Ermittler herum, um Hamsterkäufe zu verhindern. Vielleicht kommen Sie dann in eine Glühbirnen-Schutzhaft bis keine klimaschädlichen Lampen mehr in den Geschäften zu finden sind.

Siehe auch:

Glühbirnenverbot ökologisch wirkungslos und gesundheitsschädlich - Industrie freut sich über höhere Margen beim Verkauf der Energiesparlampen.

Bericht Report München.

Wir Schwätzer im Treibhaus.

ZEW über den Rebound-Effekt.

Glühbirnenverbot für Designer ästhetisches Unglück.

100-Watt-Glühbirnen-Verbot bewirkt Gegenteil.

Zoll soll Glühbirnen abfangen. (Bald wird es wohl eine Glühbirnen-Mafia geben)

Online-Petition Pro Glühlampe.

Website der Initiative Pro Glühlampe.

Informationen zum Verbot der Glühbirne.

Deutsche kämpfen gegen das Glühbirnen-Verbot.

 

 

 

 

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Kommentare

  • Was mich an diesem Artikel beunruhigt ist, daß Glühlampen mit Drogen gleichgesetzt werden sollen.
    Gibt es zum Zolleinsatz gegen Glühlampenimporteure weiterführenden Lesestoff ?
    Wie verhält es sich, wenn jemand als Privatperson welche im Ausland bestellt ?
    Fragen über Fragen.
    Eigentlich geht es die EU ja nichts an, womit man sich die Bude hell macht.

    Posted by Glühobst, 30/08/2009 8:52pm (vor 6 Monat)

  • Carlo Finzer
    Entwicklungsleiter für Steckverbinder und Komponenten
    Am Fuchsberg 1
    86453 Dasing-Rieden

    Das mit den sehr wenigen Schaltspielen bei vor allem "billigen" Baumarktprodukten kann ich nur bestätigen. Lampen des gleichen Fabrikats - eingebaut in der Speisekammer haben bereits nach ein paar Wochen den Geist aufgegeben.
    Auch ansonsten kann ich das weitgehend bestätigen, was in den Artikeln steht.
    Eine Sache fällt mir aber immer wieder auf, was bei vielen Menschen zu Verwirrungen führt: keine der vorhandenen Leuchtmittel lassen sich in Bezug auf Ihre subjektive "Beleuchtungswirkung" nicht vergleichen:
    - Glühbirnen Angabe in Watt ????
    - Energiesparlampen in Watt vergleich
    - LED´s in Lumen oder Lux

    Wie läßt sich das eigentlich mal verständlich vereinheitlichen?

    Freundliche Grüße

    Posted by Carlo Finzer, 19/08/2009 4:09pm (vor 7 Monat)

  • netter Tweet von Wiwo-Chefredakteur Roland Tichy http://twitter.com/RolandTichy: Hurra, noch 2 1ooer Glühbirnen ergattert, ehe uns die Ökos das gute Licht ausmachen und Glühbirnen wie Heroin behandelt wird.

    Posted by gsohn, 10/08/2009 10:09am (vor 7 Monat)

  • Peter Pich von www.pro-gluehlampe.de gab noch einen wichtigen Hinweis: nicht das Kaufen der Glühlampen wird verboten, sondern das in-den-Handel-bringen. Das ist effizienter als jedem einzelnen Käufer nachzuspüren. Und das macht es Pich als Lichtgestalter unmöglich, seine Leuchten mit der guten alten Glühlampe zu verkaufen - da würde er sich strafbar machen.
    Freundliche Grüße
    Peter Pich

    Posted by gsohn, 10/08/2009 10:06am (vor 7 Monat)

  • Meine Stellungnahme:
    was eigtl. leuchtet in der lampenkleinröhre (wie in der jahrzentelang bekannten großen sog. "Neon"röhre), ist das quecksilber, zwar nur ca. 2,5 (EG-Richtlinie/ Qualität) bis 5mg-Billig-Schrotterzeugnis und 10mg-Chinaware !!!... aaber wenns bricht, ist es in der raumluft, dh. lüften, warten, nicht in nähe direkt einatmen.. etc.,".... nach ca. 1 std. zusammenkehren u. in Hausmülleimer nach www.lichtzeichen.de...", ist nicht so einfach hinzunehmen----0,1mg/cbm Hg in raumluft ist allerdings max. verträgl. Konzentration über 8std.tag, sog. MAK-Wert---
    nun, - das durch hochfrequenz (heute schaltg.technisch deutl.erleichert durch Halbleiter-/ Tyristoren-Schaltung gegen Induktionszünder bei den großen neon-Röhren) von einigen 100KHz bei rd. 100Volt angeregte Hg-Licht mit vielen diskreten blau-, grün-, etwas gelb-, kaum rot- , dafür guten UV-Anteilen, was man durch alte, heute unübliche bis verbotene "Höhensonnen", aber nach wie vor gebräuchliche wiss.UV-Lampen kennt, wird durch Licht.transformation, eine Art Fluoreszenz org. Leuchtstoffe, dh. die weiße Glasinnenbeschichtung auf menschlich sichtbares mehr oder weniger "warmgetöntes", weißes tagesähnl. Licht umgelegt...
    Elektr. Nachteile der Sparlampe sind: Hochfrequenzausstrahlung (stört Audiogeräte in Nähe, Faxgeräte, Handys...), elektrostat. Nebenfeld, Schaltzyklen begrenzt u.a. --eine Hg-ausdünstung bei dichter Röhre prakt. unmöglich (was manche gegner anführen, wie www.lichtbiologie.de ), es gibt auch Doppelverglasung---
    als resümme finde ich auch das EG-(Produktions)-Verbot zu hart und einseitig, der Energiespareffekt ist weithin unsicher bis auf alle Fälle unerheblich..., auch die strenge Rückgabe/ recycling-Lösung der defekten Sparlampen ist defacto nur zu derzeit 20 (-40?)% im Gange..!
    Generell ist unbedingt auf die Übergangslösung durch diese Sparlampen hinzuweisen, >>> die schon i. Fernost gängige LED-leuchte mit noch weniger Stromverbrauch wird folgen !!
    Bis 2016 wird auch noch die sparsamere Halogen-Glühlampe bleiben..(einiges zur verstärkten Sparlampen-Werbung einsehbar bei zB. www.lichtzeichen.de , einer Initiative der Leuchtmittelhersteller, kürzl. 29.7. war Pr.konf. hier in München)
    Ps. ich als Wissenschaftler fände es gelungener, für das Quecksilber andere ungiftige Primärleuchtstoffe zu nehmen, anfangs ca. 1920 wars als Premiere das ungiftige Edelgas neon, leuchtet aber nur rot, aber mit anderen Lumineszenztransformern acuh irgendwie praktikabel...?andere Edelgase wie Ar, Kr leuchten dto......sicher gäbe es bei heutigen großen technikstand inkl. der elektronischen Schaltungsfortschritte unter den etwa 90 prakt. nutzbaren chem.Elementen etwas Nützliches..--

    freundliche Grüße, Dr.rer.nat.S.brodka, Diplchem, fr.journ., münchen (habe lichtzeichen.de/ PK besucht, auch hier unter PR-Hörerschaft war gewisse kritik/ Ablehnung/ Negativbeurteilung unüberhörbar ...!)

    Posted by Sieghart Brodka , 05/08/2009 12:30pm (vor 7 Monat)

  • @Stephan so wird es sich wohl abspielen. Gute Analyse.

    Posted by gsohn, 04/08/2009 11:44pm (vor 7 Monat)

  • Mich erinert das stark an die Sache mit der Vinylschallplatte. Die Industrie hat den Verkauf von Audio-CDs gepuscht, weil man damit mehr Marge verdiente. Zudem haben viele Kunden ihre Musiksammlung auf CD umgestellt, sodass die Musikbranche ihre Alben ein zweites Mal verkaufen konnte. Doch irgendwann später wurde die CD selber überflüssig und die Musikbranche stürzte in die Krise.

    Im Moment rüsten die Leute von klassischer Glühlampe auf Energiesparlampe um. Das lässt vermuten, dass uns schon bald eine Lichttechnologie zur Verfügung steht, die die Energiesparlampe selber überflüssig macht. Denn: Alles im Leben wiederholt sich.

    Posted by stephan meyer, 04/08/2009 11:41pm (vor 7 Monat)

  • Facebook-Kommentar von Stefan Kellner: Klaro, das ganze ist eine Wirtschaftsförderung für die Leuchtmittelindustrie, weil die einfachen Birnen aus China kommen. Der Schmuggel von illegalen Glühbirnen wird ein Riesengeschäft!

    Posted by NeueNachricht, 04/08/2009 5:47pm (vor 7 Monat)

  • Gutmenschen-Verbote habe doch immer Chancen, durch zu kommen. Da ist die Öffentlichkeit einfach zu doof, um rechtzeitig aufzuwachen. Aber Du hast recht, man müsste genauso auf den Putz hauen wie bei den Netzsperren von Zensursula....Also regt Euch im Netz....

    Posted by Niko, 04/08/2009 4:00pm (vor 7 Monat)

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