Medien
Von Gunnar Sohn veröffentlicht am 13/11/2009 - 5 Kommentar(e)
Bonn/Monaco - CARTA-Blogger Robin Meyer-Lucht hat über ein Rededuell geschrieben, das wir wohl noch lange in Erinnerung behalten werden. Meyer-Lucht beschreibt es als eine Inszenierung des ideengeschichtlichen Konflikts zwischen alteuropäischem Inhalteproduzentenmodell und neuamerikanischem Netzwerkpubliziermodell. Es geht um einen Disput zwischen dem Axel Springer-Chef Mathias Döpfner und Huffington Post-Herausgebern Arianna Huffington auf dem Monaco Media Forum. „Mit Döpfner vs. Huffington prallten instruktive Gegensätze aufeinander. Auf der einen Seite Döpfner, der darauf besteht, dass nur mit Bezahlinhalten und einem ‚verlässlichen Urheberrecht' in Zukunft ‚Qualitätsjournalismus' finanzierbar sei. Auf der anderen Seite Arianna Huffington, die dafür steht, Nachrichten zu ‚kuratieren', indem sie eigene Redaktionsinhalte, mit Links auf andere Sites und Blog-Beiträgen kombiniert. Döpfner und Huffington verkörpern nicht nur geradezu archetypisch diese Ansätze, sondern sie sind auch Protagonisten, die sie rhetorisch zu vertreten wissen", so Meyer Lucht. Huffington sei beim Streitgespräch wacher, schneller und gewitzter gewesen. „Als Döpfner von ‚Inhaltediebstahl' sprach, sprang ihm Huffington ins Wort. Sie bestand darauf, dass ihre Publikation sich strikt an das Urheberrecht halte, noch nie eine Auseinandersetzung darüber geführt habe und im Gegenteil ständig von klassischen Medien gebeten werde, doch auf diese zu verlinken", führt der CARTA-Blogger weiter aus. Huffington weiter: „Obwohl Sie unglaublich überzeugend klingen, Herr Döpfner, wird es sich zeigen, dass Sie unglaublich falsch liegen...Sie können nicht zweimal in den gleichen Fluss steigen. Und den Fluss, in den Sie steigen möchten, den gibt es nicht mehr. "
Nachhilfe für Döpfner
„In einem grandiosen Moment gab Huffington dem Springer-Chef Nachhilfe in der neuen Link-Ökonomie: ‚Ubiquität ist die neue Exklusivität.' Wer im Netz Geld mit Inhalten verdienen wolle, müsse diese möglichst umfassend über das Netz zu verteilen, wie etwa der Sender NBC mit seiner Video-Einbettung. Plötzlich sah der europäische Mathias neben der quirligen Neuamerikanerin Arianna eher alt, verstockt und uninspiriert aus", meint Meyer-Lucht. Huffington: „Herr Döpfner, Sie wollen Konsumenten umerziehen, die gerade die neuen Möglichkeiten der Online-Nachrichten entdecken. Das ist anmaßend." Punktsieger in diesem Schwergewichtskampf der Medienstrukturlenker soll wohl die amerikanische Online-Pionierin gewesen sein. Amerikanischer Innovationsgeist siegte über europäischen Geschäftsmodellkonservatismus. Und dieser Sieg trifft die traditionellen Medien im Mark.
Geschäftsmodellkonservatismus
Der Begriff „Geschäftsmodellkonservatismus" ist ja noch harmlos gewählt. Die Social Media-Bewegung ist ja kein Technikhype, der von lebensfremden Computernerds getragen wird. Sie markiert eine Revolution der Medienkultur. Stefan Münker, Privatdozent am Institut für Medienwissenschaften der Uni Basel hat dafür das wichtigste Opus geschrieben, das in den vergangenen Jahren erschienen ist: „Emergenz digitaler Öffentlichkeiten. Die Sozialen Medien im Web 2.0.", edition unseld. Man kann es Herrn Döpfner nur als Bettlektüre empfehlen. Als Ergänzung ist vielleicht noch eine Portion Habermas, Adorno oder Horkheimer nützlich. Denn zur Beschreibung der einschneidenden Veränderungen bringt uns Münker auch die Schriften der Frankfurter Schule noch einmal in Erinnerung.

Das 20. Jahrhundert war geprägt von den elektronischen Massenmedien, die eine strukturelle Veränderung der öffentlichen Sphäre herbeiführten. Habermas spricht von einer Verfallsgeschichte. Mit den Massenmedien änderte sich die Kommunikationsform. Das Verhalten des Publikums würde unter dem Zwang des ‚Don't talk back' eine andere Gestalt annehmen. Die Sendungen, die die neuen Medien (aus heutiger Sicht handelt es sich um die alten Medien) ausstrahlen, beschneiden eigentümlich die Reaktionen des Empfängers. „Sie ziehen das Publikum als Hörende und Sehende in ihren Bann, nehmen ihm aber zugleich die Distanz der ‚Mündigkeit', die Chance nämlich, sprechen und widersprechen zu können.....Die durch die Massenmedien erzeugte Welt ist Öffentlichkeit nur noch dem Scheine nach....", erklärte Habermas. Massenmedien seien „Verlautbarungsorgane der Stimme ihres Herrn", formulierte Adorno. „Massenmedien sind eben One-to-many-Medien; wären sie es nicht, wären sie keine Massenmedien", schreibt Stefan Münker. Sie passten zum avancierten Geist der industrialisierten Moderne. Dieser mediale Verkündigungsstil findet langsam ein Ende.
Auch so genannte Qualitätsjournalisten labern

Was ist denn Qualitätsjournalismus? Schaut man sich die Berichte der politischen Korrespondenten in Berlin an, wird doch aus jeder noch so trivialen Aussage irgendeines „Spitzenpolitikers" sofort eine Agenturmeldung gedichtet, die dann massenmedial hinausposaunt wird. 90 Prozent der überall wichtigtuerisch weitergeflüsterten Hintergrundinformationen seien Sozialmüll, Unsinn, Jauche, die auch dem Qualitätsjournalismus viel zu oft das Hirn viel zu sehr überschwemmt, ätzt der Autor Rainhald Goetz in seinem Buch „Loslabern".
Die neuen globalen Akteure in der Mediasphäre graben den großen alten Platzhirschen nicht nur ökonomisch das Wasser ab, sprich: Anzeigenkunden; sie ziehen auch immer mehr Aufmerksamkeit auf sich. „Es wird die traditionellen Massenmedien, zu denen heutige Jugendliche als künftige Erwachsene finden sollen, wenn die gegenwärtige Umbruchsituation vorbei ist, schlicht nicht mehr geben; zumindest nicht so, wie wir sie kennen", so Münker. Neue Medien haben wohl zu allen Zeiten alte Medien verdrängt. Die Schriftrolle ist ebenso wie handgeschriebene Briefe aus der Mode gekommen, auch wenn der Nichtverdrängungsexperte Wolfgang Riepl seine Doktorarbeit über das Nachrichtenwesen des Altertums vor knapp 100 Jahren vielleicht noch mit Federkiel schrieb und von Döpfner so gerne zitiert wird.
Der Niedergang der analogen Industriekultur
Die digitale Netzwelt untergräbt den Alleinvertretungsanspruch der alten Medien der analogen Industriekultur. „Die technische Basis des Internets verdankt sich der verteilten Zusammenarbeit seiner programmierenden Nutzer. Die Dynamik des Internetwachstums wäre ohne die Effekte der Dezentralisierung gar nicht denkbar. Ja, man kann mit Gundolf Freyermuth so weit gehen und behaupten, dass die Praxis der vernetzten Kollaboration der Softwareentwickler eine treibende Kraft beim Übergang von der industriellen zur digitalen Zivilisation ist - angetrieben vom Bedürfnis nach Selbstbestimmung im Gebrauch der digitalen Technologien", erläutert Münker. Das Internet sei das erste moderne Kommunikationsmedium, das seine Reichweite dadurch vergrößert, dass es die wesentlichen Strukturen der Produktion und Distribution von Information, Kultur und Wissen dezentralisiert.
Die Social Media-Welt ist nicht nur technisch determiniert. Es ist immer mehr eine Wechselwirkung von technischem Fortschritt und kultureller Aneignung zu beobachten. Was jeder an seinem eigenen Verhalten auf Plattformen wie Youtube, Facebook oder Twitter ablesen kann. Der technische Prozess der Digitalisierung erscheint als kulturelles Phänomen: „Längst hat der digital turn in Umfang und Geschwindigkeit vorangegangene Umbrüche wie die Erfindung des Buchdrucks oder die industrielle Revolution in den Schatten gestellt", urteilt Münker. Erfolgreich behaupten werden sich am Ende online nur Medien, die die Logik des Netzes verstehen und ihre Geschäftsmodelle darauf abstellen. Gebühren für Inhalte zählen nicht dazu, Herr Döpfner. Die digitale Öffentlichkeit belohnt Öffnungen mit Integration, und sie bestraft Abschottungen mit Ignoranz.
Siehe auch:
Jeff Jarvis-Namensartikel in der Welt: Was die Zeitungsverlage von Google lernen können.
Jeff Jarvis: The Future of Journalism is an entrepreneurial, collaborative Process.
Alte Männer bewahren ein altes Medium und wollen sich nicht auf Neues einlassen.
Wer braucht Google, wenn er Social Media hat?
Freier Zugang zu Informationen ist kommunistisch.
Huffington clashes with Döpfner over free online content.
Video Of The Year: Arianna Huffington And Mathias Dopfner At The Monaco Media Forum.
Döpfners Kampf gegen die Netzkommunisten.
thanx you
Erstellt von alışveriş, 10/03/2010 12:26pm (vor 2 Jahre)
Aus meiner Sicht sind zwei Punkte ganz wichtig: Zum einen produzieren die traditionellen Medien mit Sicherheit auch so etwas wie Sozialmüll oder Unsinn aus dem Druck heraus, einfach Meldungen produzieren zu müssen. Manchmal wird damit Berichterstattung zum Selbstzweck: Journalisten meinen ein Thema gefunden zu haben, Statementgeber glauben unbedingt und immer etwas sagen zu müssen. Beliebte Objekte sind hier sicherlich Politiker, Fußballvereine oder Prominente.
Auf der anderen Seite explodiert das Web gerade bezogen auf die Datenfülle. Auch im Web wird gerne und viel gelabert, und längst nicht immer erbaulich und manchmal auch in einem unakzeptabelen Ton. Und auch nicht jeder möchte immer mitmachen - auch das wird häufig überschätzt.
Aber auf jeden Fall braucht es bei der Menge an Kanälen und Daten eine Bündelung und eine Filterfunktion. Echter Nutzen entsteht also nicht mehr, indem Journalisten tagtäglich ein paar Meldungen oder Kommentare zusammnschreiben, sondern wenn sie (wieder) anfangen Wichtigem vom Unwichtigen zu unterscheiden und Themen umfassend und breit aufbereiten (nachdem sie vielleicht erstmal das Thema beobachtet habe). Das kann auch heißen, wichtige Quellen zu recherchieren und einfach zu nennen. Oder warum nicht alle Meldungen der Wirtschaftsforschungsinstitute zu Prognosen erstmal abwarten und dann bewerten, zusammenfassen und kommentieren.
Ich denke, dass Plattformen, die es verstehen Themen zu filtern und zu bündeln und dem Leser wieder ein echtes Nutzenpaket zu schnüren, Zukunft haben - und dafür kann man dann vielleicht sogar wieder Geld nehmen.
Erstellt von Christian Thunig, 15/11/2009 1:52pm (vor 2 Jahre)
Aus meiner Sicht als Medienberater und -macher kann man das Ganze noch systematischer betrachten, und kommt so ganz OHNE einen Herrn Töpfer, der als Schwert & Schild eines längst überkommenen paternalistischen und patriarchischen Publizistenbegriffs lediglich sinnlose Rücksichtsgefechte führt, zu dem gleichen Ergebnis:
Das Internet ist (mit 300 Jahren Verspätung) der letzte Schritt der Aufklärung und somit der eigentliche Beginn eines Zeitalters wahrer Redefreiheit - und durch die resultierende Demokratisierung der eigentliche Beginn der menschlichen Freiheit. Das Internet schließt die Aufklärung ab und startet die eigentliche "Moderne".
Diese These ist meines Erachtens die logische Folge von nur X geistesgeschichtlichen Meilensteinen, die hier kurz anreissen möchte:
Zuerst kam das Wort. Mit dem Wort begann die Zivilisation - gute Ideen konnten tradiert werden.
Dann kam die Schrift. Mit der Schrift entstand das Recht - der Codex Hammurabi kennzeichnet den Übergang von der reinen Willkür des Feudalen zu einer Urform von "Gleichheit" für alle - der Samen der Demokratie war gepflanzt.
Danach kamen die großen Religionen, die - da bin ich unsicher - vielleicht den Boden für einen Begriff des "Individuums" bereiteten, schnell aber auch missbraucht wurden, die Unfreiheit zu konservieren.
Das blieb so lange 1500 Jahre, bis Gutenberg endlich die Druckerpresse erfand: Ein gewaltiger Schritt nach vorne, und ein "Vor-" Bild dessen, was heute dank des Internets nun endlich vollendet wurde: Die breite Verteilung von Ideen, ihr Fortbestehen in Unabhängigkeit vom Urheber, wurde schlagartig möglich - mit den bekannten Folgen der Aufklärung, der Revolutionen, der Utopien und der Weltkriege.
Die lösten dann einen Umkehrschwung aus - die Erfindung der Massenmedien als neues "Opium fürs Volk" ermöglichten den kalten Krieg und die "Stimmzetteldemokratieen", die bis heute als Organisationsform die Freiheit des Menschen zwar materiell zumindest für eine glückliche Elite des Nordens schufen, ansonsten aber eher destruktiv wirkten: Mit Einführung des Fernsehens, des Privatfernsehens um so mehr, wähnten die Konsumenten sich informiert, gebildet, klug, ohne zu erkennen, dass sie Opfer subjektiver Interessen anderer wurden - und genau für diese geistesgeschichtliche Bedeutung steht exemplarisch Döpfner, der die Interessen der Herrschenden (von Friede Springer bis Angela Merkel) dem Volke verkauft, das keine Möglichkeit hat, seine eigenen Bildzeitungen und RTLs einzusetzen, um der Vernunft "das Wort zu reden".
Und nun das Internet. Als ich 1996 meine erste Webseite baute, ein wenig HTML mit meinen Texten drin, und meine Freunde aus Deutschland mich in Kalifornien wegen dieser Texte kontaktierten, wusste ich - endlich gibt es die Rede- und Publikationsfreiheit FAKTISCH.
Und eben das ist die Versprechung des Internets, insbesondere des Sozial Webs: War es noch vor 2 Jahrzehnten nur der Geldelite möglich, ihre Meinung BREIT zu streuen, konnten es vor zehn Jahren schon arme, aber etwas html-kundige Schlucker. Seit Facebook, Twitter, etc. kann es nun jeder, denn man braucht nicht mal mehr eine Webseite zu bauen und eine Domain zu mieten, man braucht nur ein Internetcafé und 1 Euro, um eine Stunde lang sich zu verbreiten.
Die Generation, die nun aufwächst, macht, sucht und konsumiert ihre Medien selber. Sie lacht über die Tageszeitungen, ignoriert das Fernsehen und organisiert sich in Diktaturen gegen die Machthaber.
Das Internet ist die Freiheit der Rede, des Informationsaustauschs und der Idee. Und damit des Menschen.
Wie sollen Medienkonzerne wie Springer dagegen ankommen? Mit dem Leserfotograf?
ich würde sagen, das Rennen ist gelaufen. Die schöne neue Welt hat begonnen, hoffen wir, dass sie auch schön wird!
Erstellt von Sebastian Paulke, 14/11/2009 5:06pm (vor 2 Jahre)
tsk ederim
Erstellt von film izle, 13/11/2009 10:38pm (vor 2 Jahre)
Ein denkwürdiges Streitgespräch. Da sehr der liebe Döpfner wohl alt aus. Genauso alt wie seine Bezahlmodelle für BZ, Welt am Sonntag u.a.
Erstellt von ML, 13/11/2009 7:12pm (vor 2 Jahre)
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